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Band of brothers: die „Sparks“ in der Zeche
Foto: Stephan Wolf

40 Jahre Pop-Avantgarde und Funkenflug

22. Oktober 2012

„Two hands and one mouth“ - Musik 10/12

Ron and Russell Meal - seit vier Jahrzehnten pulverisiert das kalifornische Brüderpaar die Genregrenzen populärer Musikgattungen: von Glamrock über Disco bis Beach Boys-Style und Electro-Clash. Anlässlich ihrer aktuellen Tour fordern sie sich selbst konzeptionell heraus, mit einem auf Stimme (Russell) und Keyboard (Ron) reduzierten Set, das aus sämtlichen Schaffensperioden schöpfend auch in der Bochumer Zeche den Nachweis erbringt: Bei den „Sparks“ handelt es sich seit jeher - und vor allem - um Songwriter von Weltrang.

Ein androgyner Typ, der auch noch so singt, wie er aussieht und ein Hitler-Double an den Tasten - mit der Präsentation ihres Smash-Hits „This town ain't big enough for the both of us“ beunruhigten die „Sparks“ anno 1974 die Gemüter Heranwachsender, die in ihren Frottee-Schlafanzügen am Fernsehschirm den „Top of the Pops“ oder der „disco“ von Ilja Richter beiwohnten. Zwanzig Jahre später wurden die Playlists privater Formatsender um ein charmantes „When do I get to sing 'My way'?“ bereichert. Doch was geschah dazwischen - und in den zwanzig Jahren danach?
Nun, die „Sparks“ haben sich auf ihren mittlerweile dreiundzwanzig Platten und regelmäßigen Shows in den Staaten, Europa und Japan den Ruf erspielt, „High Concept“ zu sein, so wie dies der Kulturpublizist Georg Seeßlen im Rahmen einer bemerkenswerten Analyse ihres Radio-Musicals „The temptation of Ingmar Bergman“ feststellt. Sei es als Pioniere synthetischer Disco-Beats (das 1979 von Giorgio Moroder produzierte Album „No. 1 in Heaven“ gilt als ein technologischer Meilenstein), als Pop-Cabaret-Comedians oder als komplex arrangierende Sound-Eklektizisten - die „ungleichen Brüder“ bekleiden eine solitäre Warte, von der aus sie, laut eigener Aussage, einzig der Maxime folgen, sich mit ihrem Schaffen immer wieder selbst überraschen zu wollen. Dabei unterminieren sie gängige Soundmuster und Songstrukturen, nur um sie eigenständig wieder aufzubauen, wie mit ihren zuletzt klanglich und konzeptionell überbordenden Produktionen, deren Anspruch das Wort „Charts“ nicht zu buchstabieren vermag.

Insofern ist es für das Selbstverständnis der „Sparks“ nur konsequent, dass sie bei ihrer diesjährigen Europa-Tournee einmal jeglichen Ballast abwerfen und sich auch live ganz auf sich selbst verlassen und konzentrieren. Bereits bei der von Ron (dem Keyboarder mit dem feinsten Menjou-Bärtchen des gesamten Showbiz) intonierten Ouvertüre, die Highlights des Abends an einem Streifen kurz angespielt, wird absehbar, dass hier und heute alle nur gewinnen können: die „Sparks“ als Ausnahmeperformer, das Publikum als Genussmenschen - und die gut zwei Dutzend Songs (aus dem über dreihundert Titel umfassenden Repertoire) des exakt anderthalbstündigen Sets.
Auf ihr melodisches Gerüst reduziert, entfalten sie eine erstaunliche Höhen-, Breiten- und Tiefenwirkung. Während Ron, bis auf eine kurze Slapstick-Einlage, stoisch an den Tasten verweilt und dort die Beherrschung der hohen Kunst des pointierten Transponierens unter Beweis stellt, scheint sich Russell eine Armada von Reißzwecken in die Schuhe geschoben zu haben. Hierfür spricht nicht nur seine rastlose Agilität, auch sein Falsett klingt über weite Strecken wie damals bei Ilja Richter.
Weiterhin tritt bei seinem exzellent ausgesteuerten Vortrag noch ein Trademark dieser Ausnahmeformation deutlich hervor: Texte, die vor lakonisch sprühendem Sprachwitz nur so - funkeln. Kurzum: ein sowohl pop-diskursiv als auch rein musikalisch denkwürdiger Abend, der ein dankbares Auditorium hinterlässt, dass sich wohl nur allzu gerne schon heute mit dem Gedanken an die „Sparks“ in zwanzig Jahren (dann Ü 80 und mit vermutlich hundert weiteren Titeln zur Auswahl) anfreundet.

Stephan Wolf

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