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Würdigung, Anmaßung oder bloß Geschmacksache?
Foto: Olga Ekaterincheva / Adobe Stock

Raubkultur?

28. März 2022

Kulturgut und koloniales Erbe

Gefühlt hängt über jedem zweiten deutschen Bett ein Traumfänger. Gefühlt jeder fünfte Deutsche denkt, der Traumfänger sei ein Kultobjekt der Aborigines. Und auch wenn bekannt sein dürfte, dass er zum kulturellen Erbe der Ureinwohner Nordamerikas zählt, wissen nur wenige, dass der Traumfänger dem Stamm der Ojibwe entspringt. Die meisten Traumfänger über deutschen Betten sind „Made in China“. Wenn sich eine dominante Gesellschaft auf unangemessene Art „Gewohnheiten, Bräuche, Ideen eines Volkes“ aneignet, dann spricht man von kultureller Aneignung, sagt das Oxford English Dictionary. „Unangemessen“, erläutert das Cambridge Dictionary, meint die Aneignung kultureller Vorbilder, ohne darzulegen, dass man die Kultur versteht und respektiert. Wann also ist ein Traumfänger überm Bett unangemessen?

Stereotypisierung oder Sensibilisierung?

Die westliche Zivilisation befindet sich am Beginn einer Läuterung. Sie muss sich selbstkritisch einem latenten Rassismus stellen, den sie über Jahrhunderte kolonialer Prägung hinweg tief verinnerlicht hat. Rassistisches Handeln und Vorurteile sind keine verjährten Mankos unserer Ahnen. Sie leben. In jedem von uns. Die These ist radikal, der Diskurs darüber erhitzt die Gemüter. Viele Bürger reagieren mit Abwehr und Trotz, ohne sich auch nur im Ansatz mit der These auseinanderzusetzen. Andere zeigen Verständnis und wettern engagiert gegen Blackfacing – ohne wirklich zu verstehen, warum. Verwirrung, Verhärtung, Verkrampfung. Wenn ein Kind ein Indianerkostüm trägt, stereotypisiert es dann die Identität der indigenen Völker Nordamerikas? Oder sensibilisiert das Kostüm womöglich das Kind und seinesgleichen für die fremde Kultur und animiert es dazu, vertiefend zu fragen: Was ist was?

Kulturelle Aneignung in der Kunst

Die Sache ist komplex. Und sie wird komplexer, wenn sich Kunst, Mode und andere kreative Prozesse von den kulturellen Bräuchen fremder Völker inspirieren lassen und dafür kritisiert werden. Von der verkitschten Panflötenkonserve bis zu Dreadlocks, vom verwestlichten Yoga bis zum Traumfänger aus China. Mitunter erschließt sich die Kritik rasch. Was aber ist mit Elvis Presley, dessen ertragreicher Ruhm sich aus dem Blues nährte, der seine Ursprünge unter anderem in den Worksongs der Sklaven findet. Ein aus Unterdrückung entsprungener Musikstil, den sich Weiße aneignen und sich damit noch über Jahrhunderte hinweg bereichern. Wie gentlemanlike ist es, wenn sich ein weißer Deutscher namens Tilmann Otto das kulturelle Erbe Jamaicas aneignet, Reggae-Lieder performt und damit als „Gentleman“ berühmt und womöglich reicher wird als Bob Marleys Erben?

Ein respektvoller Umgang

Kunst fußt auf Inspiration. Inspiration ist Aneignung. Kunst ist ein Element der Kultur, und im Zeitalter der Globalisierung ist gegenseitige kulturelle Stimulierung unumgänglich. Interkulturelle Inspiration ist der Kultur zutiefst eigen. Anstößig wird sie, wenn sie ihre Quellen nicht respektiert, sie ausbeutet. Wenn sie „unangemessen“ mit ihnen umgeht. Es geht nicht um das „Ob“, es geht um das „Wie“. Kunst und Kultur müssen sich frei entfalten, einander stimulieren dürfen. Das Problem liegt nicht im freiheitlichen Selbstverständnis von Kunst und Kultur, sondern im großen Ganzen: vom gesellschaftspolitischen Überbau bis hin zur Eigenverantwortung. Erst der reflektierte Umgang mit dem angeeigneten Objekt, die offene Auseinandersetzung mit unserem kolonialen Erbe kann ein Kostüm gebührlich machen, einen Elvis glaubwürdig, einen Gentleman gentlemanlike, einen Traumfänger angemessen.


KOLONIALWAREN - Aktiv im Thema

tearthisdown.com/de | Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und das Peng Kollektiv wollen Denkmäler und Straßennamen mit kolonialistischen Bezügen sichtbar machen.
hamburg.de/bkm/strassennamen | Informationen zur Aufarbeitung von Straßennamen mit kolonialistischen und nationalsozialistischen Bezügen in Hamburg.
statista.com/themen/6472/kolonialismus | Statistiken zum Kolonialismus, beispielsweise über „Häufige Straßennamen mit Bezügen zur Kolonialzeit in Deutschland“.

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Hartmut Ernst

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