Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28

12.145 Beiträge zu
3.571 Filmen im Forum

Aktuelles Bochumer Ensemble
Foto: © Ostkreuz

Nur potentielle Wirklichkeit

27. September 2018

Das Schauspiel in Bochum kommt spät und mit vielen Wahrheiten – Prolog 10/18

Lange haben sie gezögert, das Für und Wider geordnet, jetzt entschied sich das Bochumer Schauspielhaus für die Tat: Die Ära Johan Simons beginnt. Nach der langen Nacht der elektronischen Pop-Musik Fest schraubt man die ollen Stühle im Großen Haus wieder an. Mit einer Theaterfassung nach Lion Feuchtwangers „Die Jüdin von Toledo“ geht es dort nämlich los. Clash der Religionen, Clash der Weltanschauungen, Populismus versus Humanismus. Oder einfach die Frage, ab wann ist eine Reaktion gefordert oder bleibt es wie immer nur beim zuschauenden Verzicht. Müssen wir also alle Helden werden? Feuchtwangers andalusisches Dokudrama zwischen grenzenloser Liebe und Heiligem Krieg im 12. Jahrhundert scheint für Regisseur Simons eine Antwort zu geben.

Kaum eine Antwort geben dreizehn 13-jährige Mädchen und ein Bodybuilder einen Tag später im „Hamiltonkomplex“ in den Kammerspielen, das sowieso nur bis Anfang Januar in Bochum zu sehen ist. Die wilde 13 verwandelt sich ständig von manipulierenden Monstern in selbstbewusste Teenager, von verstörenden Lolitas in liebenswürdige Mädchen. Historie und Zeiten vermischen sich dabei, die Bühne wird zum Tanzpalast. Das schon zitierte Für und Wider tritt auf den Plan: In welcher Identität wollen wir leben oder besser, wird uns das überhaupt gestattet?

Denn wir Weiße sind das Übel an sich. Findet Benny Claessens, denn allein die Erfindung dieser sogenannten Rasse war schon Käse. Ausgehend von Gerhart Hauptmanns Arbeiterdramen „Die Weber“ und „Vor Sonnenaufgang“, thematisiert der Regisseur in seiner Stückentwicklung „White People’s Problems“ einen unterschwelligen Rassismus, der auch innerhalb des um Political Correctness bemühten Theater- und Kunstsystems tief verwurzelt ist. Sehr frech ist seine Behauptung, dass die ehemalige Waschkaue der Zeche Prinz Regent in den 90ern von reichen Kids zu einer sauberen Location gemacht wurde, wo billiger Weißwein serviert wurde. Er will „die Zeche gerne den Arbeitern zurückgeben, als ob die Figuren der Aufführung ihre Geister wären, die uns heimsuchen und ihren rechtmäßigen Ort von der weißen Pseudo-Elite zurückfordern“. Na dann Prost.

„Die Jüdin von Toledo“ | Do 1.11.(P) | Schauspielhaus Bochum

„Der Hamiltonkomplex“ | Fr 2.11.(P) | Kammerspiele Bochum

„White People’s Problems / The Evil Dead“ | Fr 2.11.(UA) | Zeche Eins, Bochum | 0234 33 33 55 55

PETER ORTMANN

Neue Kinofilme

Johnny English – Man lebt nur dreimal

Lesen Sie dazu auch:

„Zwei Seelen in meiner Brust“
Olaf Kröck bereitet die Ruhrfestspiele 2019 vor – Premiere 07/18

Aufbruch in die schöne neue Welt
Johan Simons stellt seine erste Spielzeit in Bochum vor – Prolog 07/18

„Ich inszeniere als Komponist“
Ari Benjamin Meyers über „Changing of the Guard“ in Bochum – Premiere 06/18

Der Kopf als Totalverlust
„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ in Bochum – Theater Ruhr 06/18

Aufklärung als Wahnwelt
„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ am 27.4. in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum – Bühne 05/18

Der verbrannte Golfball
„Melancholia“ in Bochum – Theater Ruhr 05/18

Schlafes Bruder
„Time to Close Your Eyes“ am Bochumer Schauspielhaus – Theater Ruhr 05/18

Bühne.