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Moderatorin Franziska Hilfenhaus
Foto: Josef Haas-Achenbach

Bezeugen, was verboten ist

08. Februar 2024

NRW-Kinopremiere: „Green Border“ von Agnieszka Holland mit Vorgespräch

Großer Auflauf und eine ausverkaufte Kinovorstellung im Kölner Odeon-Kino am 1. Februar. Viele Funktionsträger von NGOs, Verwaltung und Politik sowie viel Publikum fanden sich ein zur NRW-Premiere des Films „Green Border“ der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland, die schon für Andrzej Wajda Drehbücher geschrieben hatte und sich als politische Filmemacherin versteht. Geboten wurde im Rahmen der choices-Preview in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung außerdem ein Vorgespräch zum Thema.

In Polen hat der Film über Push-Backs und menschliche Schicksale an der polnisch-weißrussischen Grenze schon viel Furore gemacht, nachdem die inzwischen abgewählte Pis-Regierung ihn als linke Propaganda verunglimpft hatte. Dennoch stand der Film, der nun überall in Europa zu sehen sein wird, schließlich an der zweiten Stelle der polnischen Charts.

Moderatorin Franziska Hilfenhaus kündigte von einem der auf die Kino-Vorbühne gestellten Stühle aus eher eine allgemeine Diskussion über die aktuelle Situation an den EU-Außengrenzen und die derzeitig diskutierten politischen Maßnahmen an. Sarah Schneider, Vorsitzende der NGO Medical Volonteers International, redete als erste Rednerin dann gleich Klartext: „Die Lage ist katastrophal, sie ist unmenschlich. Sie kriegen an den Grenzen keine medizinische Versorgung, sie kriegen nicht ausreichend Nahrung, haben kein Dach über dem Kopf. Menschen werden als Spielball von kruden politischen Entscheidungen benutzt.“ Ihre NGO habe zur Zeit keine Projekte in Belarus, über dessen Methoden und die Reaktion der polnischen Seite Agnieszka Hollands Film berichtet. Sarah Schneider kritisierte auch die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung durch die „sämtliche Organisationen, die auf dem Landweg arbeiten, kriminalisiert würden. Wir müssen das alles ändern. Erst die Menschwürde achten, dann erst alles andere.“ Sie betonte: „Push-Backs, die wir gleich im Film sehen werden, sind theoretisch verboten“.


Sarah Schneider, Claudia Walther, Nidal Rashow (v.l.), Foto: Josef Haas-Achenbach

Nidal Rashow, der selbst 2014 aus Syrien geflüchtet und heute im Vorstand der Flüchtlingshilfe Bonn ist, erzählte von seinem langen Fluchtweg über Sizilien in die Schweiz, von dem er häufig auch an Schulen berichtet. Er befand sich zeitweise mit 400 anderen Flüchtlingen auf einem Boot, das dem Kentern nah war, im Mittelmeer. Die Risiken seiner Flucht seien ihm allerdings von Anfang an klar gewesen: „Ich wusste, ich schaffe das, oder ich sterbe.“ Zur Erinnerung hebt er heute noch die Kleidungsstücke auf, die er auf der Flucht trug. Er betonte, wie entscheidend Sprachkurse für jede Integration seien. Doch sei er selbst auch ein Beispiel dafür, wie man sich durchsetzen kann: „Nach zwei Jahren noch ohne Deutschkenntnisse war ich an der Uni.“ Generell äußerte Nidal Rashow Unverständnis, dass eine so einfache Maßnahme wie die Aufnahme von Asylbewerbern und anderen Flüchtlingen nicht gelingt: „Die EU ist reich. Die EU braucht Einwanderung, braucht Fachkräfte und macht es trotzdem schwierig.“

Moderatorin Franziska Hilfenhaus fragte die auf dem Podium anwesende Politikerin Claudia Walther, wie Köln in dieser Frage aufgestellt sei. Die Co-Vorsitzende der Köln-SPD sah auf kommunaler Ebene gute Aufnahmestrukturen und lobte auch die Bemühungen von engagierten Bürgern in diversen Organisationsformen. Dennoch sei die Ausländerbehörde auch überlastet, ebenso wie die Zustände am Wohnungsmarkt nicht hilfreich seien. Bei den Zuständen an den Außengrenzen habe sie große Bauchschmerzen wegen womöglich fehlender Rechtstaatlichkeit. Zu kursierenden Ideen zu Asylverfahren an den Außengrenzen sagte sie: „Wir sehen das als Köln-SPD auch kritisch. Individuelles Recht auf Asyl ist jedenfalls unverhandelbar. Wir brauchen einen Solidaritätsmechanismus durch Aufnahme von Kontingenten oder durch Geld.“ Allerdings stünden die Mehrheiten im Europaparlament vor großen Veränderungen durch einen eventuellen Rechtsruck, den man bei den Wahlen verhindern könne und plädierte für Maßnahmen, die Betroffenen in Arbeit zu bringen: „Man muss einfach die legalen Wege stärken“

Von einer „Vollkatastrophe“ sprach zum Abschluss Sarah Schneider von Medical Volonteers International: „Es sterben jetzt, wo wir hier sitzen, Menschen an den Außengrenzen.“ Damit war der Film „Green Border“ schließlich konkret eingeführt. Nach der Vorführung blieben die Gesprächspartner noch für direkten Austausch anwesend.

Josef Schnelle

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