Am Ende der Vorführung in Düsseldorf herrscht zunächst lange Stille im Saal – „Rose“ hat das Publikum offensichtlich berührt. Erst als Regisseur Markus Schleinzer und Schauspielerin Caro Braun auf die Bühne kommen, ist leises Murmeln zu hören; dann brandet Applaus auf. Die NRW-Premiere von „Rose“ findet zunächst im Düsseldorfer Cinema statt und zieht anschließend ins Kölner Weisshaus. Im neuen Film des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer spielt Sandra Hüller die Titelrolle. Als Mann verkleidet, versucht Rose im 17. Jahrhundert ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Acht Jahre Recherche
Warum Sandra Hüller als Hauptdarstellerin an diesem Abend nicht dabei ist, wird gleich zu Beginn mit ihrem sehr vollen Terminkalender erklärt. Aber vermutlich kann ohnehin niemand besser über den Film sprechen als Schleinzer, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Acht Jahre habe er an „Rose“ gearbeitet, erzählt er, und umfassend recherchieren müssen, um eine wahrhaftige Geschichte schreiben zu können. Auslöser sei ein Telefonat an seinem Geburtstag gewesen: Eine Freundin habe ihm berichtet, sie arbeite gerade mit der Gerichtsakte einer Frau, die sich als Mann ausgegeben habe. 250 Jahre zuvor sei sie ausgerechnet an diesem Tag gestorben. „Das ist der Fall der Katharina. Und das hat mich sehr gerührt“, sagt Schleinzer. In Stadtarchiven, wissenschaftlichen Arbeiten, Obduktionsberichten und vielen weiteren Quellen habe er über die Jahre etwa 300 Frauen gefunden, die „in die Hose gestiegen sind“. Die nach seiner Großmutter benannte Titelfigur sei erfunden, ihre Geschichte beruhe jedoch auf Tatsachen.
In patriarchalen Gesellschaftssystemen hatten und haben Frauen nie die gleichen Rechte wie Männer. Früher gab es für Frauen viele Gründe, um sich als Mann auszugeben – sei es, weil sie einer Zwangsehe entgehen wollten, als Witwen nur so Zugang zu bezahlter Arbeit bekamen oder als abenteuerlustige Personen nur verkleidet hinaus in die Welt ziehen konnten. „Und letztendlich, so wie Rose, so wie Sandra im Film sagt: ‚In der Hose war meine Freiheit – und es ist ja nur ein Stückchen Stoff, also bin ich in die Hose‘“, sagt Schleinzer. Dass Sandra Hüller die Titelrolle spielen sollte, habe für ihn von Anfang an festgestanden. „Ich habe mir immer zum Vorsatz gemacht: Wenn ich schreibe, versuche ich dabei schon, Dinge ganz exakt zu beschreiben. Wenn man kein Ziel hat, kann man nichts beschreiben. Das heißt, sehr früh hab ich mir darüber einen Kopf gemacht: Wer könnte das sein? Und an Sandra führt kein Weg vorbei. Gerade wenn man eine Figur hat, die nicht viel spricht, braucht man eine Darstellerin, die einfach mit ihrem Blick eine Emotionalität hochholen kann und etwas transportieren kann.“ Für den Regisseur ist Sandra Hüller „eine ganz erdige Person“, die sich nicht verstelle, und „eine stark politische Person“ dazu. Caro Braun spielt mit Roses Ehefrau Suzanne ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Sie fügt hinzu, dass Hüller für junge Schauspielerinnen ein Vorbild sei.
Aus 700 Schauspielerinnen ausgewählt
Braun wurde aus 700 Schauspielerinnen ausgewählt, die sich auf den Casting-Aufruf gemeldet hatten. Sie erzählt, sie habe sich besonders für die Entwicklung der Figur interessiert: von einer Art Besitz, einem Ding, das keine eigenen Entscheidungen treffen darf, hin zu einer Frau, die etwas zu sagen hat – auch wenn Suzanne quasi zwangsverheiratet wird. „Es ist total spannend, so eine Figur zu haben, die so eine Coming-of-Age-Geschichte erlebt, also sich herausarbeitet und Schichten abträgt.“ Ihre Figur sieht sie als eine, „die was loswird. Die weibliche Sozialisation loswird, das Patriarchat loswird (…), die aufbricht zu einer Freiheit, zu einem sinnlicheren Leben – überhaupt einem sinnlichen Leben in dieser Zeit als Frau.“ Braun sieht den Film auch als Ausdruck queeren Lebens in einer Zeit, in der dieses von Kirche und Staat vollständig verboten war.
Nach fast einer Stunde lebhafter Interaktion mit dem Publikum muss das Gespräch abrupt beendet werden, da Schleinzer und Braun zum nächsten Termin ins Weisshaus Kino aufbrechen müssen – mit der Bahn. Hoffentlich haben sie es rechtzeitig nach Köln geschafft.
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