Der große italienische Drehbuchautor Ennio Flaiano schrieb einmal: „Wir leben, um auf den Sommer zu warten. Wie die Bademeister.“ Und wenn der Sommer dann endlich da ist, das lernte man spätestens bei Jacques Tatis Monsieur Hulot, verzetteln wir uns in den Aufbauten der Ferienindustrie, tragen die Hektik des Erwerbslebens an den Strand und wollen dabei doch nur eins: leben, genießen, lieben. Wir hoffen, in Minuten oder Stunden der Ruhe auf einer Liege oder vor einem Café auch uns selbst zu finden – oder eine Person, der wir schon immer begegnen wollten.
Das Kino hat zum Sommer ein zwiespältiges Verhältnis. Früher galten die heißen Monate hierzulande als Sauregurkenzeit, bis in die 1990er Jahre hielten sich die Kinos mit Wiederaufnahmen und B-Ware über Wasser. Alles anders ist spätestens seit Hollywoods „Day-and-Date-Starts“, die schon wegen der Videopiraterie keine monatelange Verschiebung mehr zulassen. Stimmt der Hype, ist das Wetter den Leuten plötzlich egal – und sie stürmen in die wohltemperierten Kinos.
Aber Hype ist nicht alles. Denn das Kino überlebt auch deswegen, weil das Geschichtensehen wie ein Besuch bei einem guten, befreundeten Arzt wirkt, der am Ende des Termins sagt: „Wissen Sie, bei Ihnen ist eigentlich alles in bester Ordnung!“ Das Kino ist das poetische Gegengewicht zur Rechnung der Strandkorbvermieter und Restaurantbesitzer.
Wer nach einem Tag am Strand oder bei der Arbeit in ein Kino kommt, wird vor allem eines finden: eine Geschichte zum Leben, Genießen, Lieben, was man in der realen Welt so sehnsüchtig sucht. Nicht umsonst gibt es in vielen Küstenorten und auf Inseln noch Kinos, die gut davon leben, dass die Menschen am Abend eine Liebesgeschichte oder Komödie sehen wollen. Zum Strand und zur Sonne braucht es einen Film, der das bestätigt, wozu wir uns unter den freien Himmel gesetzt oder gelegt haben. Wir wollen etwas sehen, was wir im wahren Leben erproben oder zumindest erzählen können.
Im Juli und August gibt es ein paar schöne Sommerfilme, die jeden echten oder virtuellen Strandausflug erst perfekt machen: Yann Samuels Wander-Roadmovie „Die Camino-Therapie“ (ab 2.7.) mit der wundervollen Alexandra Lamy, Tina Gharavis ungleiche Liebesgeschichte „Virginia Woolf‘s Night and Day“ (ab 9.7.), Reem Khericis romantische Komödie „Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ (ab 23.7.) und Annekatrin Hendels vielschichtiges Inselportrait „Hiddensee“ (ab 20.8.).
Ennio Flaiano schrieb noch einen Satz, den man nicht so einfach wegwischen kann: „Die Liebe ist im Gegensatz zum Broterwerb zum Experiment verkommen.“ Jeder Kinobesuch soll uns selbst beweisen, dass wir diesen Satz nicht kampflos hinnehmen wollen.
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