Paweł Pawlikowskis in Cannes gefeierter Schwarzweißfilm „Vaterland“ kommt hierzulande am 3. September in die Kinos. In ihm steuern Thomas Mann und seine Tochter Erika (Hanns Zischler und Sandra Hüller!) in einem glänzenden schwarzen Auto der Marke Buick durch das zerstörte Deutschland des Jahres 1949. Von Frankfurt am Main geht es Richtung Weimar – vorbei an Trümmern, Toten, Überlebenden, Albträumen und Hoffnungen.
Auf den ersten Blick scheint es erstaunlich, dass ausgerechnet ein Schwarzweißfilm dieses Kinojahr aufmischen wird – und dabei so viel von unserer Geschichte und dem Leben nach und mit dem Krieg erzählen kann. Gleichzeitig hat Sandra Hüller bereits mit dem schwarzweißen Historiendrama „Rose“ gezeigt, wie man in die Vergangenheit eintauchen und zeitlose innere wie äußere Kämpfe erfahrbar machen kann. Markus Schleinzers Apotheose des klassischen Hosendramas ist seit Ende April in den Kinos – und hat Mitte Mai die Grenze von 100.000 Besuchern passiert.
Die Renaissance des Schwarzweißfilms ist kein Zufall. Das verdeutlicht auch der im letzten August wiederaufgeführte Film „Hass“ von Mathieu Kassovitz. Er läuft immer noch in einigen Kinos und hat damit mehr Erfolg als vor drei Jahrzehnten bei seiner deutschen Erstaufführung. Das kompromisslose Außenseiterdrama folgt drei Freunden aus den Sozialbausiedlungen, die in der französischen Hauptstadt nach etwas Spaß und Anerkennung suchen – und krachend scheitern. Mit blutigen Nasen strandet das Trio um vier Uhr morgens im Forum des Halles und besteigt dann den ersten Zug zurück in die Trabantenstadt. Ein plötzlicher Schuss setzt dem Versuch, den Umständen zu entkommen und den überall präsenten Werbeslogan „Le monde est à vous“ endlich aufs eigene Leben zu münzen, ein abruptes Ende.
Wie der schwarze Buick in Pawlikowskis Film durch die Straßen rollt, rollen Schwarzweißfilme selbstbewusst durch die Kinoprogramme – und legen die besondere Kraft des Kinos offen. Die Kraft des Kinos besteht darin, mit Zurückhaltung, Geschichten und Schauspielern nach der Wahrheit zu suchen. Zur Kunst der Auswertung gehört dabei auch, auf einem Film zu beharren. Ihn mehrmals am Tag anzubieten und ihn auch über ein paar dürre Tage zu schleppen. Das ist „Showmanship“, das ist es, was Kinomacherinnen und -macher zu stillen Heldinnen und Helden macht.
Und während in den übrigen Medien mit grellen KI-Schnipseln und falschen Fotos nur noch schwarz-weiß argumentiert und nach Algorithmen ausgewählt wird, schaltet das Kino einen Gang zurück – ins künstlerische Schwarzweiß und zu Inhalten mit Tiefe. Wer letzteres zu schätzen weiß, sieht das Leben bunt.
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