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Foto (Ausschnitt): Sophia Küstenmacher

„Kein großes Spektrum an Geschlechtsvielfalt“

02. April 2026

Schauspielerin Caro Braun über „Rose“ – Roter Teppich 04/26

In Markus Schleinzers Film gibt sich Rose (Sandra Hüller) während des Dreißigjährigen Kriegs als Mann aus, um freier leben zu können. Als sie im Gegenzug für ein Stück Land die Tochter eines Großbauern heiratet, droht der Schwindel aufzufliegen. Ein Gespräch mit Caro Braun, die Roses Ehefrau Suzanna spielt.

trailer: Caro, was waren deine ersten Gedanken, als du das Drehbuch zu „Rose“ gelesen hast?
Ich dachte, dass es eine grandiose Idee ist, Sandra Hüller eine Frau spielen zu lassen, die sich als Mann ausgibt. Solche Kniffe sind im Theater total einfach, weil es so ein abstrakter Raum ist. Im Film herrscht dagegen oft ein großer Realismus-Anspruch, da ist das noch mal etwas ganz anderes. Ich kannte Sandra Hüller noch aus dem Schauspielhaus in Bochum, weil ich dort aufgewachsen bin, und war sehr beeindruckt von ihrem Gestus, der dem männlichen Blick schon damals etwas entgegengesetzt hat. Deshalb hab ich mir sofort gedacht, als ich das Drehbuch gelesen habe, dass es für FLINTA-Personen ganz wichtig sein könnte, diesen Film zu sehen. Mich hat auch überzeugt, dass es hoffnungsvolle Momente gab – und sprachlich hat es mich auch total gecatcht.

Wie war der Dreh mit Sandra Hüller, nachdem sie in deiner Jugend schon eine Inspiration für dich war?
An dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben, hatte ich gerade die Zusage für meine Rolle in „Rose“ bekommen. Dadurch war der aufregende Teil des Tages bereits absolviert. Wir haben zusammen Abend gegessen, und es war direkt ganz normal und angenehm. Wir konnten uns sehr auf Augenhöhe begegnen. Sie war eine große Inspiration, aber keine Einschüchterung für mich. Als Spielpartnerin war sie ein großes Geschenk.

Hast du dich schnell in deinen Charakter Suzanna eingefunden?
Da das mein erster Langfilmdreh war, habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob ich Suzanna gegriffen bekomme. Auf jeden Fall hatte ich Respekt vor der Rolle. Am Set arbeitet man sich dann aber Schritt für Schritt an die Sachen ran. Auf die erste Szene habe ich mich emotional sehr intensiv vorbereitet. Aber danach war alles plötzlich da. Und ich war auch eine Woche lang auf einem Bauernhof, habe dort bei der Ernte geholfen, Ställe ausgemistet und mich dadurch vorbereitet. Das hat auf jeden Fall geholfen zu verstehen, was es bedeutet, einen Gutshof zu bewirtschaften. Ich bin ja in Bochum aufgewachsen und hatte vom ländlichen Leben gar keine Ahnung (lacht). Sandra hatte in dem Bereich zumindest ein bisschen Vorwissen.  

„Rose“ ist inspiriert von über 300 dokumentierten Fällen, in denen sich Frauen im 17. Jahrhundert als Männer ausgegeben haben. Kanntest du diese Fälle schon vor dem Film?
Nein, es war komplett neu für mich. Aber im Laufe der Recherchearbeit für den Film habe ich immer mehr von diesen Fällen gelesen. Damals wurden die Dinge auch nicht so schnell hinterfragt. Sobald man sich eine Hose und ein Jackett angezogen hat, galt man als Mann. Einfach weil die Menschen damals kein großes Spektrum an Geschlechtsvielfalt erlebt haben. Deshalb hat diese einfache Verkleidung damals viel besser funktioniert als das heute der Fall wäre. Ich habe schon mit Menschen gesprochen, die angezweifelt haben, dass diese Verkleidung wirklich so funktioniert haben soll, wie es im Film dargestellt wird. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass die Geschlechterbinarität damals noch viel mehr gegriffen hat. Das gilt auch für andere Dinge aus dieser Zeit. Mein Vater ist katholischer Religionslehrer; ich habe mit ihm darüber gesprochen, wie damals Gebete aussahen. Ich werfe mich in einer Szene richtig auf die Knie beim Beten, das würde heute auch niemand mehr machen. Und ich habe auch versucht, das Gefühl der Abweichung von der vermeintlichen Norm, das ich aus meinem eigenen Leben als queere Person kenne, in den Film einfließen zu lassen. Weil indem Suzanna mit einer Frau zusammengelebt hat, die sich als Mann ausgegeben hat, hat sie sich in den Maßstäben der damaligen Zeit ja sozusagen „beschmutzt“ und dem Teufelswerk hingegeben.

Wie war der Dreh für dich?
Ich arbeite sonst am Theater und bin da meist den ganzen Tag in einer schwarzen Box. Beim Dreh für „Rose“ dagegen waren wir einen Monat lang draußen auf dem Feld. Sandra und ich haben auf jeden Fall gemerkt, dass unsere Körper das nicht gewöhnt sind. Wir waren an den Wochenenden echt erledigt. Ich hatte auch mit Markus (Schleinzer, d. Red.) ein sehr familiäres Verhältnis, das war richtig schön. Generell waren am Set sehr viele junge Frauen und viele schwule Männer, auch das war angenehm. Ich habe dann erst später gemerkt, dass Filmsets auch viel männlicher dominierter sein können. Ich hatte ja bisher noch nicht so viel Vergleich.

Gibt es eine Szene, die eine besondere Herausforderung für dich war oder dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Auf jeden Fall die Szene, wo Rose mit den Gerüchten konfrontiert wird, kein Mann zu sein, und sich vor die Männer stellt und schreit: „Hab ich eure Schwänze je gesehen, frage ich euch danach?!“ Da habe ich nicht viel zu tun und konnte mehr zuschauen. Dadurch hat mich das viel mehr gepackt, weil ich auch ein bisschen privat als Caro da sein und einer Kollegin beim Spielen zuschauen konnte. Und als queere Person ist mir dieses Gefühl, mich ständig beweisen oder erklären zu wollen, sehr vertraut. Deshalb hat mich diese Szene sehr inspiriert.

Wie war es für dich, den fertigen Film zu sehen?
Es gab einen totalen Verfremdungseffekt, die Westernbilder haben mich sehr überrascht (lacht). Auf jeden Fall ist es ein grandioser Film. Ich schaue da natürlich nicht ganz unabhängig darauf, aber die Dramaturgie, der Schnitt – alles ist wirklich richtig gelungen. 

Interview: Marina Wudy

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