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Nelly-Sachs-Preisträger 2017: Bachtyar Ali im Literaturhaus Dortmund
Foto: Hartmut Salmen

Rettung der Realität durch Fantasie

10. Dezember 2017

Nelly Sachs-Preis-Lesung mit Bachtyar Ali am 8.12. im Literaturhaus Dortmund – Literatur 12/17

Eine Garderobe braucht er nicht. Seinen Rucksack nimmt Bachtyar Ali durch die dichten Stuhlreihen im vollen Literaturhaus mit auf die Bühne. Von Köln ist er angereist. Seit den den 90er-Jahren lebt der Schriftsteller in Deutschland. Zuvor geriet er in Konflikt mit dem Regime von Saddam Hussein, das damals Tausende verfolgte und ermordete.

Diese Flucht, aber auch das Weiterziehen und die Reisen mit vielen Begegnungen finden sich in vielen seiner Werke. Dass dies auch sein eigenes künstlerisches Handwerk ausmacht, diese Weisheit verpackt Ali an diesem Abend in einen schönen, schnörkellosen Satz: „Einen Roman zu schreiben, ist nicht, wie mit dem Flugzeug von einem Ort zum anderen zu reisen, sondern eher wie mit einem Boot entlang des Flusses.“

Dabei beginnt „Die Stadt der weißen Musiker“, der bisher zweite Roman von Bachtyar Ali, der ins Deutsche übersetzt wurde, am Flughafen in Amsterdam. Hier soll es für den Protagonisten, den Schriftsteller Ali Sharafiar, zurück nach Kurdistan gehen. Dort wartet Papierkram wegen seiner Scheidung auf ihn. Doch dann wird er von einem unbekannten Weißgekleideten angesprochen, der ihm eine Tüte mit Notenheften überreicht. Er bittet Sharafiar darum, die Tasche einer befreundeten Musikerin in Kurdistan zu übergeben. Ein seltsamer Auftritt, wohl einer jener, so glaubt Sharafiar, „unglückseligen Kurden, die durch endloses Herumreisen mit keinerlei Aussicht auf Asyl vor lauter Heimweh den Verstand verloren haben.“ Doch aus dieser Begegnung ergibt sich schließlich eine wundersame Odyssee.

Wundersam war auch die Entdeckung von Bachtyar Alis Romanen im deutschsprachigen Raum. Denn die Übersetzung wurde durch begeisterte Leser geleistet. Kurden, die im deutschen Raum lebten und zwei von Alis Romanen übersetzten.

Ein Glücksfall. Nach knapp zwanzig Jahren, in denen dieser begnadete Erzähler in Deutschland lebte, unentdeckt von Literaturbetrieb und Feuilleton, wurden nun zwei Romane vom Zürcher Unionsverlag auf Deutsch herausgegeben. So wie „Der letzte Granatapfel“, den Ali bereits im Jahr 2002 verfasste. Der erste kurdisch-irakische Roman, der überhaupt auf Deutsch erschien.

Der Roman beginnt mit der Freilassung des einstigen Peschmerga-Kämpfers Muzaferi Subhdam. Nun will er seinen Sohn Saryasi wiederfinden. Zwanzig Jahre war Muzaferi in Einzelhaft, immer mit dem Bemühen, bloß nicht die Sprache zu vergessen.

Die Muttersprache von Bachtar Ali ist Sorani, der südliche der beiden kurdischen Dialekte. Dass er seine Romane auf kurdisch schrieb, war nicht nur eine Pionierleistung, sondern ein politischer Akt seiner Schriftstellregeneration. „Das war nicht einfach, denn die kurdische Sprache war lange verboten“, erzählt der Autor über die Hintergründe seiner Romane. „Ich musste da auch die Sprache neu erfinden. Kein Autor der Welt hat das zuvor gemacht.“

Kurdische Literatur gab es vorher auch, aber sie war oft ideologisch motiviert. „Sie wollten immer wissen, was ich von dieser oder jener Partei halte“, so Ali. „Das ärgert mich sehr.“ Der Stil seiner Romane wird dagegen oft dem sogenannten Magischen Realismus zugerechnet. Surreal, fast märchenhaft sind die Erzählwelten von Bachtyar Ali. „Schönheit ist wichtiger als Wahrheit. Nur sie kann die Geschichte eines Landes retten“, sagt er. Aber avant la lettre ist sein Werk auch ein politisches, ein humanistisches Projekt in einer Region, die seit Jahren von Krieg, Flucht und Elend zerrüttet ist. „Wir haben die Realität verloren“, so Ali. „Als Autor versuche ich, diese durch Fiktion wiederzufinden.“ Nicht nur Realität ist es, die da gerettet wird, sondern Menschlichkeit. Dass Bachtyar Ali diesen Sonntag im Dortmunder Rathaus den nach der Literaturnobelpreisträgerin benannten Preis, mit den schon so bedeutende AutorInnen wie Alfred Andersch oder Elias Canetti, Christa Wolf oder Magaret Atwood geehrt wurden, entgegen nahm, ist da nur folgerichtig.

Benjamin Trilling

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