Sie ist immer wieder beeindruckend, die Glasfront im Wissenschaftspark Gelsenkirchen. Dahinter Natur, mit Teich. Dazu passt ganz perfekt die Bilderserie von Jasmine Shah aus Castrop-Rauxel: Menschen, Tauben, dreckige Ecken, alle sehr sinnig im geschweißten Stahlrahmen („No Go - Go Now / Duisburg-Marxloh“). Aber der Besucher muss sich in der Ausstellung entscheiden, erst rechtsherum oder erst nach links. Ich sehe Brigitte Kraemers Bilder von Geflüchteten im Ruhrgebiet („Das große Warten“, 2015), aber ich sehe auf einem auch eine Muslima, die lachend in einem Fußballtor steht, für mich das Foto, das mir mit Sicherheit im Gedächtnis bleiben wird.
21 Fotoserien von 18 FotografInnen habe es wieder durch die Jury und in das visuelle Gedächtnis des Ruhrgebiets geschafft, die Datenbank wächst seit 2003 kontinuierlich. Doch die Zeiten werden härter. „Wenn es ganz schlecht läuft, könnte dies die letzte Ausstellung des Pixelprojekts gewesen sein“, sagt Peter Liedtke, Mitbegründer und Seele des Projekts. Die regionale Kulturförderung des Ruhrgebiets hat die Unterstützung eingestellt, die Jury vom Land NRW hat getagt, der „Hahn ist zu“. Fotografie hat es immer schwer, sagt Liedke, der allerdings noch ein zwei Hoffnungen hegt, das Projekt zu erhalten.
Jetzt laufen wir erst einmal an den rund einhundert Bildern entlang, die viel über die einstigen Flüchtlingsströme zeigen. Jutta Schmidt hat die Architektur der Traglufthallen ins Bild gesetzt („4 Tonnen Luft“, 2015). Die aufgeblasenen Wohnboxen waren immer für sechs Personen, doch sie sind weder zur Decke noch zur Tür geschlossen, aus Brandschutzgründen. Es hat etwas traumatisch Unwirkliches in den Bildern, die auch eine eigene Ästhetik von Surrealität transportieren.
Aber das Ruhrgebiet hat nicht nur zeitgenössische Migration zu bieten, Yolanda vom Hagen zeigt in ihrer schönen Serie „Im Pott“ (2006-2016) wie sich in Herten Mensch, Möbel und Wohnung verändern oder der Gläubige in David Klammers „Pain!“ (2016). Er wurde ausgewählt für seine Reportage über das jährliche Tempelfest der Hindus am Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm.
Der Herner Daniel Kessen geht lieber in die Wildnis. Genauer gesagt ins Naturschutzgebiet in Castrop-Rauxel Bladenhorst. Wer die Bilder („Castroper Sümpfe“, 2016) sieht, hat erst einmal keine Ahnung davon, wie beschwerlich die Sümpfe es dem Fotografen (bis hin zu Krokodil-Trugbildern) gemacht haben. Fast spektakulär unaufgeregte Naturaufnahmen zeigt Simon Grunert in „Panta Ruhr“ (2015), auch die Tiere zur Massenunterhaltung in „Zootopia“ (2016) von Robert Schumacher werden Teil einer neuen No-Go-Area. Eine kleine Hommage gebührt dem Archäologen Tom Stern (1958- 2016). Seine Serie „FIBO“ (2012) zeigt die Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit, die bis 2012 in Essen beheimatet war, heute als eigentliche Bodybuilder-Messe auf dem Kölner Messegelände agiert. Aber auch in Essen waren schon frisch gefettete Muskelpakete und maximale weibliche Körperformen zu sehen – und die dafür notwendigen Dosen mit dem Geheimpulver. Egal, ich verlange, dass diese Ruhrgebiets-Datenbank weiterbesteht.
Pixelprojekt Ruhrgebiet „Neuaufnahmen 16/17“ | bis 30.9. | Wissenschaftspark Gelsenkirchen | Eintritt frei
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