Was denn? Natürlich gehören lebende Fische nebst ihrem Aquarium ins Museum. Das schafft Arbeit für die Aufsicht und beruhigt die immer nervöser werdenden Besucher. Bald werden die vor den Musentempeln stehen und „Lügenkunst“ und „Wir sind die Sammler“ skandieren. Einer der diese Dystopie in seiner Arbeit bereits verarbeitet hat, ist der französische Fotokünstlerperformer Thomas Mailaender (Jahrgang ‘79), dem das Düsseldorfer NRW-Forum seine erste große Retrospektive in Deutschland widmet. Sein „The Fun Archive“, das parallel zur Ausstellung „Women on Street“ der Altmeister Peter Lindbergh und Garry Winogrand gezeigt wird, sind auch „Artefakte der Netzkultur“. Und das heißt: Anonyme Bilder, Netztrash, Kuriositäten, die er tausendfach weiterverarbeitet und so in die Welt der so genannten Hochkultur einschleust, soll heißen, softige Privaterotik auf schnöden Kaffeebechern – daraus wird irgendwie Keramik auf Dope und ein Angriff auf den humorlosen Kunstbetrieb, genau wie das eingangs beobachtete „Fish Museum“, mit dem der Künstler wissenschaftlich erforscht, wie Kunst auf Fische wirkt. Na klar. Jeff Koons‘ „Balloon Dog“ in Miniatur unter Wasser, die Barben wissen ja nicht mehr, wo sie hinschwimmen sollen. Die Schlangenfische haben eher römische Artefakte vor den Sinnesorganen. Also ich konnte beim Rundgang in den Wasserbecken nichts Auffälliges feststellen. Dass hier auch ein Hühnerstall stehen sollte. Eine andere Forschungsarbeit, wo Federvieh auf Kunst reagiert und dabei nicht nur Kacke fallen lässt. Das Museum freute sich schon auf frische Eier. Doch nix da. Vogelgrippe in NRW. Kein „Chicken Museum“ mehr. Stumme Fische müssen her.
Also wieder zurück zu den Internet-Trashbildern. Die sammelt der Künstler bereits seit zehn Jahren. Probleme mit dem Copyright hat er nicht. Seine Fotografien wurden millionenfach geteilt, eine Urheberschaft lässt sich deshalb kaum mehr feststellen. Als Zeitdokumente sind sie allerdings eher „zeitgenössische Archäologie“, so Mailaender, der an der Pariser Kunsthochschule Fotografie studiert hat und anschließend in Nizza zeitgenössische Kunst. Seine Sammlung soll nicht endlich sein, irgendwann Artefakte in der Zukunft bilden. Deshalb bearbeitet er die Internet-Schnipsel nicht digital, sondern in alter blaustichiger Cyanotypie. Da fotografiert er ausgedruckte Bilder neu, erhält so ein Negativ, das seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nur in Cyan reproduziert wird. Die neuen Drucke kleben großformatig an den Wänden, skurrile Einblicke in andere Lebenswelten, die man eigentlich nie entdecken wollte.
Im Zentrum der Ausstellung geht es einem ähnlich. Das „Fun Archive Headquarter“ ist eine begehbare Rauminstallation, etwas zwischen Bunker und Höhle, und die körperlich spürbare Abwesenheit schafft zwangsläufig Assoziationen zu Gregor Schneider. Doch hier ist Internetjunk zu Tapete geworden. Das Hauptquartier des „WTF“ hat er eigens in Düsseldorf errichtet. Das Ende einer exzessiven Megaparty mit Müll, leeren Flaschen und einer Plastikeimer-Toilette. Peinlicher Humor oder Realität in unzähligen Haushalten der Welt? Ich will das gar nicht wissen.
„Thomas Mailaender: The Fun Archive“ | bis 30.4. | NRW-Forum, Düsseldorf | 0211 892 66 90
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