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Die apollonischen Sieben als Chor der Greisen vor der Lärmschutzwand
Foto: Birgit Hupfeld

Kein Grund zur blutigen Rache mehr

30. November 2017

Lisa Nielebock inszeniert in Bochum Aischylos‘ „Die Orestie“ – Auftritt 12/17

Zwar springen auch in den Bochumer Kammerspielen die Meldefeuer von Berg zu Berg und künden vom Sieg der Griechen in Athen, doch zu sehen ist bei Regisseurin Lisa Nielebock mal wieder nichts. Eine mächtige Lärmschutzwand (schöne Bühne: Oliver Helf) hält die Welt fern von einem der wichtigsten Prämissenwechsel in der Menschheitsgeschichte. Von Auge um Auge zu Besitz gegen Gerechtigkeit. Trotz großen gesellschaftspolitischen Anstrengungen in der Antike, blieb die Welt ein Gefängnis, in dem niemand den Göttern entkommt. Auf der eng gewordenen Bühne zeigt dies eindringlich und wahrhaft überzeugend „Die Orestie“ von Aischylos in der wohl kaum noch zu verbessernden Übersetzung von Peter Stein.

Was ist über diese einzige Trilogie griechischer Tragödien nicht bereits alles verhandelt worden? Zwischen philosophischem Meilenstein und Aufbruch in die Neuzeit, Grundlage des europäischen Wertekanons, ja Heilsbringer –  alles schon debattiert. Lisa Nielebock geht diesen Weg in Bochum – wie immer – konsequent nicht. Sie lässt deklamieren, still freudvoll, regungslos lustvoll. Die handelnden Personen geraten deshalb kaum in Bewegung, selten in Rage. Sie schneiden sich durch den langen Text, der verbraucht, anschließend geruchslos verräuchert wird. Nielebock inszeniert das alles förmlich auf eines schmalen Messers Schneide.

Am Anfang sitzen erst einmal alle apollonischen Sieben auf der kargen Bank vor der stäbigen Wand und schauen wortlos ins Nichts. Zuerst durchbricht der Wächter (Heiner Stadelmann) die Stille, steht auf, auf das Dach des Palastes, wo er auf das ersehnte feurige Siegessignal aus Troja wartet. Der Chor der Greise bleibt erst einmal brav auf dem Balken. Nach und nach, Person für Person kann dort die eigentliche Geschichte hinter der Tragödie rezipiert werden, dann tritt der siegreiche Agamemnon auf. Werner Wölbern ist ein nachdenklicher, gefasster Heerführer und König von Mykene. Vorsichtig, verschlagen kommt er daher, mit der jungen Konkubine Kassandra (Therese Dörr) im Schlepp als Kriegsbeute. Ehegattin Klytaimestra (Anke Zillich), selbst mit jungem Lover Aigisthos (Marco Massafra) unterwegs, ist „hochrot“ erfreut und versucht erst ihn zu blamieren, dann zu täuschen – nun bald wird sie ihn erschlagen, für ein bisschen Wind hat Agamemnon schließlich ihre Tochter Iphigenie geopfert. Rache ist damals oberstes Gebot. Nielebock entwickelt still die Ungeheuerlichkeiten weiter, nur kleine Gegenstände oder Kostümteile (sehr eigen: Ute Lindenberg) bezeichnen die wechselnden Rollen der Schauspieler, Requisiten im eigentlichen Sinn gibt es nicht, Licht spielt im Lauf der Inszenierung eine die Inhalte mitgestaltende Rolle, die Bühnenbildwand bleibt lange unbewegt, alle Mimen auf der Bühne.



Das Fluch-bedingte Familiendrama der Atreiden schleicht voran – morden und ermordet werden. War der Tod für Agamemnon in Bochum Teil einer scheinbar fatalistischen Gleichgültigkeit, ist er für Klytaimestra dort erst nach ausgiebiger Argumentationslogik gekommen, aber auch hier schnell, en passant, und mancher mag es kaum mitbekommen haben, da war Anke Zillich auch schon perdu. Denn Elektra (Anna Hofmann) und Orest (Dennis Herrmann), die Kinder dieses gewalttätigen Paares, müssen auch noch den arroganten Aigisthos meucheln. Etwas Agonie kommt dabei auf, wenn die Masken der Herrscher im Angesicht des eigenen Todes fallen. Es ist wohl mehr Wahn, mehr Irrsinn, der die Menschen hier getrieben hat und sie im Kreislauf der Blutrache gefangen hielt. Auch Muttermörder Orest wäre davon betroffen gewesen, wenn ihn nicht Apollon (Werner Wölbern mit frischen Anziehsachen) vor den schlafenden Erinyen retten würde. Anna Hofmann als Athene (auch mit neuen Klamotten) bereitet ein Tribunal vor, das jetzt die Angebote für eine neue Koalition der Rechtssicherheit sichten soll, damit der blutige Kreislauf endgültig durchbrochen sei. Die Regie hat inzwischen die Lamellen-Wände auseinander gezogen, es entstanden Räume und Gänge, an denen die Lichtkegel entlanglaufen können. Ob das alles optisch reicht, um die archaischen Racheengel zu besänftigen, zeigt sich schnell. Es kommen ja auch noch reichlich Geschenke ins Spiel – neuer Aufenthaltsort, neue Aufgaben, hier und da ein paar Ehrungen – und schon kann die erste Anwaltskammer der Antike den ersten Sieg verbuchen. Eine tolle Inszenierung, aber mir fehlt immer das verschollene Satyrspiel von Aischylos.

„Die Orestie“ | R: Lisa Nielebock | Di 12.12., Sa 16.12., Do 21.12. 19.30 Uhr, So 7.1. 19 Uhr | Kammerspiele Bochum | www.schauspielhausbochum.de

PETER ORTMANN

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