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Ari Benjamin Meyers
Foto: Michael Chiu

„Ich inszeniere als Komponist“

30. Mai 2018

Ari Benjamin Meyers über „Changing of the Guard“ in Bochum – Premiere 06/18

trailer: Herr Meyers, immer mehr Roboter übernehmen die Arbeit. Ist das denn kein Fortschritt?
Ari Benjamin Meyers: Natürlich, das ist auf jeden Fall Fortschritt. Die Frage ist nur, wohin führt uns das und warum ist es wirklich besser? Fortschritt ist es aber auf jeden Fall.

Der Sternmarsch als musikalisches Zeremoniell, ist das ein Statement oder ein Aufruf zum Widerstand? 
Ich finde es toll, dass man die Möglichkeit bei der Performance hat, in der Stadt zu beginnen und die Menschen einzusammeln. Und weil es dort stattfindet, ist es kein Theaterraum – da wird erstmal ein großes Fragezeichen bei den Passanten sein. Das sind erst einmal Menschen, noch keine Zuschauer. Es wird sicher ein paar geben, die extra dahin gehen. Aber man weiß nicht, ist das jetzt eine Demonstration oder hat der Weg eine religiöse Funktion? Es könnte alles sein, am Ende ist es eine Performance. Aber sie zitiert eine Demo, einen Streik, einen Umzug.

Und welchen Stellenwert hat die Musik in der Performance?
Das ist ja das Spannende an so einem Performance-Ritual, dass die Musik eine gleichberechtigte Funktion hat. Es ist Text, Musik, Bewegung, und da es kein Sprechtheater ist, wo klar ist: wir gehen jetzt in ein Theaterstück, ist hier wirklich alles gleichgestellt. Die Musik ist durchgehend, sie gibt das Tempo, die Energie an, sie behandelt auf ihre Art auch Themen. Über die Sprache wird es manchmal chorisch und auch sehr musikalisch. Ich bin der Regisseur, aber ich bin auch ein Komponist. Ich inszeniere als Komponist, also ist alles eine große Komposition. Alles wird Musik.

Kommen wir nochmal zurück auf den politischen Aspekt der Performance. Es ist ein Grundprinzip des Kapitalismus, dass er den Wert von Arbeit immer weiter mindert. Reichen da Fragestellungen überhaupt noch aus? 
Die Frage finde ich interessant, insbesondere wenn wir uns den Kulturbereich anschauen, wo sehr viel gearbeitet wird und immer die Frage im Raum steht, was ist überhaupt das Produkt. In Bochum habe ich im Schauspielhaus mit „Just in Time, Just in Sequence“ begonnen. Damals stand eine ähnliche Frage im Zentrum und die hatte direkt mit der Schließung der Opel-Fabrik hier zu tun – aber es war auch die Frage: Was könnten wir jenseits eines bestimmten Produktes produzieren? Das finde ich interessant im Kulturbereich, denn am Ende von einem Sinfonie-Konzert könnte man fragen, was haben die da produziert? Es wurde viel gearbeitet, für einen Moment. Deshalb finde ich es wichtig zu unterscheiden zwischen Produkt und Arbeit an sich.

Ari Ben Meyers
Foto: Michael Chiu
Zur Person
Ari Ben Meyers ist ein Komponist und Regisseur aus New York. 2014 initiierte er bereits „Just in Time, Just in Sequence“ mit vierhundert Bochumer Musiker*innen zum Ende der Opel-Fabrik. Meyers ist weltweit mit Performance-Projekten unterwegs, arbeitete auch schon mit den Einstürzenden Neubauten und Chicks on Speed zusammen.

Ein Kunstwerk ist also auch nur ein Produkt?
Und was ist dann der Mensch? Das ist natürlich hochpolitisch, denn in dieser Frage steckt wirklich Sprengstoff. Denn jetzt ist es so, wenn man die Arbeit verliert, hat man natürlich erstmal ein massives Problem. Denn wir stecken in diesem System. Was wir auf eine künstlerische Art versuchen, ist herauszufinden, was ohne Arbeit möglich ist, aber nicht in dem heutigen Sinne von „eine Arbeit verlieren“. Das könnte gerade für die Politik sehr gefährlich werden.

Verstehen wir die Performance auch mal als Ritual. Haben uns nicht „entmenschlichte“ Rituale wie Aufstehen, Arbeiten, Essen, Schlafengehen in diese Situation gebracht?
Was Sie beschreiben, sind eher Prozesse als ein Ritual. Für mich ist es ein bisschen das Gegenteil. Wenn ich Ritual sage, dann zelebriere ich etwas oder stelle das in einen besonderen Rahmen. Wenn man sagt, ich habe ein Morgenritual, dann sieht das erst ein bisschen ähnlich aus, aber Routine ist schon etwas anderes. Da sind sogar auch Verknüpfungspunkte zu „Just in Time, Just in Sequence“, denn auch dort und hier arbeiten wir mit Wiederholungen. Sachen, Sprache, werden wiederholt – Wiederholen ist ein wichtiger Aspekt von Ritualen. Es gibt kaum ein Ritual, das keinen Wiederholungseffekt hat. Aber alles, was wir wiederholen, ist nicht gleich ein Ritual.

Sabine Reich, Dramaturgin: Und bei allen Wiederholungen, die wichtig sind, verändert das Ritual Menschen. Man geht in etwas rein, man lässt etwas hinter sich, man durchlebt ein Ritual und am Ende kommt man anders dabei heraus. Das ist der Unterschied. Wir wissen zwar noch nicht, was in 50 Jahren sein wird, aber wir merken alle, irgendetwas ändert sich. Und wir glauben, dass Rituale Gemeinschaft bilden, und Gemeinschaft hilft auf jeden Fall Veränderungen zu gestalten.

Aber kein Mensch braucht Arbeit, alle brauchen nur Geld. 
Sabine Reich, Dramaturgin: Ja, das wird man lösen müssen, irgendwann. In diesem Projekt werden wir nicht die Fragen nach dem Geld, nach dem Grundeinkommen stellen. Es ist kein sozialpolitisches Projekt, obwohl wir die große Frage nach Arbeit stellen. Das ist eine spannende Debatte mit dem Grundeinkommen. Wir sind sicher, dass es kommen wird, aber ich finde es empörend, wie wenig auch über Fragen wie Digitalisierung gesprochen wird und die Politik es versäumt hat, Ideen zu entwickeln und mit Menschen ein Gespräch darüber zu führen. Diese Einladung möchten wir gerne aussprechen. Denken wir darüber nach. Und dann ist die Frage nach Geld eine wichtige, aber selbst wenn wir alle das Grundeinkommen haben, und ich hoffe, dass es kommt, werden wir uns am häufigsten fragen, was tun wir dann?

Die Agentur für Arbeit hat in Bochum einen Kundenparkplatz. Ist nicht auch die Sprache längst entmenschlicht?
Ari Benjamin Meyers: Das ist eine gute Frage. Ich würde erstmal sagen nein. Weil Sprache ist etwas, was wir Menschen produzieren. Das ist ein Paradox, wenn man sagt, entmenschlichte Sprache, denn wir produzieren sie ja. Und dann gibt es Gründe, warum wir das machen. Als Komponist, als Musiker ist Sprache nicht die Hauptsache. Ich drücke mich eher mit Musik aus.

Wäre vielleicht eine Zukunft als Cyborg die letzte Antwort? 
Möglicherweise. Es gibt Science Fiction, aber auch Real Science, die sagen, dass irgendwann alles am Körper ersetzbar wird. Man könnte sich vorstellen, wir sind noch Menschen, haben aber einen Chip im Gehirn, aber das wären Extremfälle. Heute kann man sich statt Kopfhörern was implantieren, dann hörst du die Musik über die Knochen. Das wird sicherlich lange dauern, dass wir denken, wir sind kaum noch Menschen. Irgendwann gibt es vielleicht so einen Moment: Jetzt bist da aber nur noch 40 Prozent Mensch und 60 Prozent eine Maschine.

„Changing of the Guard – Ein öffentliches Ritual für Bochum“ | R: Ari Benjamin Meyers | Sa 9.6.(P), Sa 16.6., Fr 29.6., Sa 14.7. 20 Uhr | Schauspielhaus Bochum (Vorplatz) und sechs Startplätze in Bochum | www.schauspielhausbochum.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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