Als Uncanny Valley (übers.: unheimliches Tal) beschrieb der japanische Robotiker Masahiro Mori 1970 das Unbehagen beim Betrachten künstlicher Figuren, die nur noch knapp vom Menschen zu unterscheiden sind. In Zeiten von zunehmend realistisch aussehenden, aber von Künstlicher Intelligenz erschaffenen Medieninhalten hat das Phänomen an Bedeutung gewonnen. Auch hat sich mittlerweile seine Definition erweitert, z.B. um fast echt klingende menschliche Stimmen und fast echt aussehende Tiere. Doch was löst es im Betrachter aus, wenn Künstliche Intelligenz die Bewegungen von Menschen bestimmt? In der deutschen Erstaufführung „Human in the loop“ beim Temps D‘Image – Festival für Tanz und Technologien (17.-26.1.) in Düsseldorf choreografiert die KI. Mit ihrer Produktion greifen Nicole Seiler und ihre Kompanie die Schwerpunkte der 20. Ausgabe des Festivals auf: Hybridität und Mixed Realities. Gemeint sind laut Ankündigung „künstlerisch-choreografische Arbeiten an den Schnittstellen von Tanz und Technologien, die die intensive Durchdringung von realen und virtuellen Welten ausloten.“
Unter anderem in ihren jüngsten Stücken wie „Liquid Families“ (2022) oder „The rest is silence“ (2020) geht Nicole Seiler angestrebten Harmonien und unvermeidlichen Grenzen von Gemeinschaften nach. Oft befasst sich die 1970 in Zürich geborene Schweizerin dabei mit dem Zusammenspiel von Körpern mit Bild, Stimme, Text oder Klang. Laborcharakter hat dagegen ihre aktuelle Produktion, die sich mit den möglichen Beziehungen zwischen Mensch und KI auseinandersetzt – und fragt, wie viel Macht die KI über den Menschen hat. Die beiden Performer:innen Clara Delorme und Gabriel Obergfell folgen auf der Bühne an jedem Abend anderen chorografischen Vorgaben der KI. Degradieren die Maschinen damit die Tänzer:innen zu Marionetten? Jedenfalls erscheinen bei „Human in the loop“ absurde und unheimliche Momente im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert.
Human in the loop | 18., 19.1. je 18 Uhr | Tanzhaus NRW, Düsseldorf | 0211 17 27 00
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