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Im Blick Gottes: Die Gespenster, die den Patienten Schreber heimsuchen
Foto: Vincent Stefan

Aufklärung als Wahnwelt

30. April 2018

„Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ am 27.4. in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum – Bühne 05/18

Nachts erscheinen die Götter der neuen Weltordnung. Wie Gespenster im Kittel flüstern sie dem Patienten ein, er solle von seinem Gott loslassen. Dieser Patient glaubt, Gott habe solange auf seine Nerven zugegriffen, dass er nicht mehr von ihm loskomme. Und Gott sorge dafür, dass er eine Frau werde, um die Erschaffung neuer Menschen zu ermöglichen, nachdem diese unsittliche Weltordnung untergegangen ist.

Das beteuert der Patient Daniel Paul Schreber seinem behandelnden Psychiater Dr. Emil Flechsig immer wieder. Deswegen sitzt er nicht nur zwangsweise in der Nervenheilanstalt ein, sondern ist auch rechtlich entmündigt. Der Jurist und ehemalige Senatspräsident plädiert jedoch dafür, zwar nerven-, aber nicht geisteskrank zu sein. „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ hieß die Schrift, mit der der Sohn des Schrebergarten-Bewegung-Gründers Moritz Schreber diese Haltung niederlegte, um vor Gericht gegen seine Entmündigung zu klagen – mit Erfolg. Als Fallstudie wurde sie immer wieder von PsychologInnen und PhilosophInnen wie Sigmund Freud, Elias Canetti oder Gilles Deleuze aufgegriffen.

Diese Rechtfertigung haben der Dramaturg Stefan Wipplinger und Regisseur Fabian Gerhardt nun als Theaterfassung auf die Bühne der Kammerspiele im Schauspielhaus Bochum gebracht. Nicht als Fallstudie mit intellektuellen Diskursschleifen, sondern als Bebilderung der Schreber'schen Innenwelt, in der es um Wahn und Angst, aber auch um Autonomie und Mündigkeit geht.

Die Krankenanstalt erscheint fast unwirklich: in der Mitte ein Billardtisch, der gleichzeitig Klavierflügel ist (ein tolles Bühnenbild von Christian Wiehle). Oben überblickt ein großes Auge das Geschehen. Der Blick des alten Gottes oder der neuen im Kittel? Gegen die Autorität der Letzteren kämpft Schreber hier jedenfalls an, gegen die Zwangsmaßnahmen und den Freiheitsentzug.

Da sitzt der Patient eben noch mit seinem Arzt gegenüber, Jürgen Hartmann spielt Schreber, Günter Alt seinen Antagonisten Dr. Flechsig, bevor die Rollenverteilung durchmischt wird, bis das Bühnengeschehen ‚vernünftiger‘ Logik entbehrt.

So purzeln diese Gottesnerven irgendwann als bunte Schleifen von der Decke. Oder es erscheinen gleich vier Frauen (Therese Dörr, Veronika Nickl, Raphaela Möst und Simin Soraya) mit Zylinder und aufgeklebten Schnauzbart, um Schreber verköpernd an seiner Stelle zu sprechen, während der Patient zitternd auf einem Stuhl kauert. Auf projizierten Videobildern, in denen diese surrealen Figuren mit Blut und Dreck spielen, werden diese klinischen Wahnwelten noch gesteigert.

Auch der Gerichtsprozess wird als seelisches Vexierspiel entblättert, in der er es etwa um Schrebers Fantasie geht, in einem Frauenkörper zu sein. Für Freud war es Symptom eines Vaterkomplexes. Dass Schreber über Arbeitsbelastung und Übermüdung klagte, das berücksichtigte Freud in seiner Erklärung nicht. Der Nervenkranke, als entmündigtes Objekt: Was sich als nostalgischer Theaterabend über die positivistischen Auswüchse des 19. Jahrhunderts gebärt, gewinnt vor dem Hintergrund des geplanten bayrischen Psychiatriegesetzes, mit dem Erkrankte unter Kriminalverdacht gestellt werden sollen, brisante Aktualität. Obwohl oder gerade weil dieser Premierenabend irgendwann nicht mehr greifbar ist: Schrebers Wahnwelten werden hier bebildert, ohne in die romantische Falle zu tappen, darin nur Kreativität auszustellen, die im Wahnsinn schlummert.

Benjamin Trilling

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