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AKAL
Foto: Senda Jebali

Erkenntnisstunde für den Westen

07. November 2022

Radouan Mrizigas „AKAL“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 11/22

Kreide, Kreppband und der bloße Körper waren es, mit denen Radouan Mriziga 2014 in „55“ hantierte. Das handhabte der Tänzer in seinem Debütstück so exakt-mathematisch, bis am Ende eine große Rosette die Bühne zierte. Es blieb nicht das letzte Mal, dass Mriziga seine Begeisterung für geometrische und architektonische Formen in Choreografien aufgriff. In „3600“ waren es Steine, die der Sohn eines Maurers in präzisen Gesten aufeinanderstapeln ließ. Der Marokkaner betonte in Interviews, wie sehr ihn die islamischen Figuren der Geometrie begeisterten, die sich in Orten wie Marrakesch an Häusern oder Moscheen beobachten lassen.

Dass diese islamische bzw. arabische Geometrie die Wissenschaft, speziell die Mathematik beförderten, ist zwar bekannt. Weniger verbreitet sind dagegen die Erkenntnistheorien der Imazighen, der indigenen Bevölkerung Nordafrikas, um die sich Mrizigas jüngste Produktion „AKAL“ (auf Deutsch „Erde“) dreht. Damit schließt der Tänzer in PACT Zollverein nach den Vorgängerstücken „Sonne“ und „Mond“ eine Trilogie ab, die sich jenen mythologischen Frauenfiguren widmet, welche die Kultur der Imazighen verkörpern. Diese indigene, nordafrikanische Ethnie firmierte im Westen lange unter der als abwertend verstandenen Fremdbezeichnung „Berber“.

Im Mittelpunkt von „AKAL“ steht die altägyptische Göttin Neith (zu Deutsch „Schreckliche“), die in der mythischen Überlieferung als Kriegs-, Schöpfer- oder Muttergöttin assoziiert wird. Ebenso ist in der Mythologie tradiert, dass Neith die Seelen der Toten in die Unterwelt verfrachtete. Das evoziert wiederum eine göttliche Kraft, die Mriziga gemeinsam mit der ruandischen Choreographin, Tänzerin und Sängerin Dorothée Munyaneza auf der Bühne performen will. In ihrem Hybridstück aus Ritual, Architektur, Gesang, Poesie, Rap und eben traditionellen Tänzen geht es den beiden Choreografen darum, eine unterdrückte, indigene Vergangenheit aus der Vergessenheit zu reißen. Damit knüpft Mriziga an seine bisherigen Werke an, in denen es bereits um Erkenntnisformen ging, von der islamischen Geometrie bis zu den Erkenntnistheorien der Imazighen. Es klingt nach einer Lehrstunde für den arroganten Westen.

AKAL | C: Radouan Mriziga | 25., 26.11. 20 Uhr | PACT Zollverein, Essen | 0201 289 47 00

Benjamin Trilling

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