So pur und konzentriert haben wir die medialen Illusionsräume noch nie gesehen: Egbert Trogemann fotografiert die Settings von Fernsehshows mit ihrem Studiopublikum, aber ohne Moderator und Gäste. Der fotografische Blick ist stillgelegt, wir haben zur Betrachtung alle Zeit der Welt. Trogemann wählt ein moderates Format für seine Farbfotografien, mit dem er eine besondere Intimität schafft. Dabei nimmt er eine überschauende Position ein, mit der er auch die Umgebung des Podiums und die Scheinwerfer unter der Decke zeigt. Die Lampen erzeugen ein raffiniertes Lichtspiel in der samtenen Dunkelheit. Daraus ergeben sich stimmungsvolle Szenarien, bei dem das Publikum zu Akteuren wird, die sich mit der Sendung identifizieren. Die übliche mediale Präsenz aus dem Fernsehen kippt; deutlich werden hingegen die Mechanismen der Theatralik und der visuellen Attraktivität. Diese Fotografien, die jetzt – leider etwas verloren innerhalb der Sammlungsausstellung – im Campusmuseum der Ruhr-Universität hängen, hinterfragen unser Interesse am Spektakel und seiner Inszenierung. Und wie entwaffnend Trogemanns Aufnahmen dabei sind und wie viel sie doch über gesellschaftliche Riten aufdecken! Die gleichwertige Fokussierung der Details, teilt Wesentliches über die Strategien der Fernsehregie mit und geht ihren psychologischen Tricks nach. Nebenbei liefert Trogemann eine Übersicht über die Genres, welche die Fernsehshows heutzutage abdecken: Wie wird eine „seriöse“ Gesprächsrunde „verkauft“ und wie muss eine Quatsch-Show angemessen „rüberkommen“ und inwieweit ist die Stimmung doch nur eine Illusion?
An seiner Werkgruppe „Audience“ arbeitet Egbert Trogemann übrigens seit 1999: Sie enthält alle „Klassiker“ der hiesigen Fernsehindustrie, von „Zimmer frei“ über „Sabine Christiansen“ bis hin zu „Circus Halligalli“. Natürlich sind seine Fotografien eine Dokumentation unserer Unterhaltungsindustrie, unserer Diskussionskultur, zeigen in ihrer Kontinuität den Wandel von Modeerscheinungen und Veränderungen von Gewohnheiten. Unterhaltsam und anregend!
„Egbert Trogemann – Audience“ | bis 27.4. | Campusmuseum der Ruhr-Universität Bochum | 0234 322 67 82
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