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Singt charmant fiese Lieder: Rock'n'Roll Kabarettist Michael Krebs
Foto: Maxi Braun

Satirische Jam-Session

30. März 2015

Musikkabarett hoch drei bei „Viel Schönes dabei“ am 29.3. in Essener Weststadthalle – Musik 03/15

Marc-Uwe Kling ist vor allem wegen der (Hör)Bücher über sein Zusammenleben mit einem kommunistischen Känguru in Kreuzberg bekannt. Wer nur deswegen in die Weststadthalle gekommen ist, wo die Zeche Carl die Konzerttour „Viel Schönes dabei“ präsentiert, wird angenehm überrascht. Denn anders als Goethes Zauberlehrling wird Kling die Geister, die er rief, zumindest temporär los. Statt des Kängurus stehen dem Liedermacher und Kabarettisten Kling in Essen Poetry Slammer Julius Fischer und Rock’n’Roll Kabarettist Michael Krebs zur Seite, der noch seine Band Die Pommesgabeln des Teufels mitgebracht hat.

Die Rollen sind schnell verteilt. Kling erklärt, dass sowieso alle Headsets tragen, damit sie ihre eigene Musik während des Programms hören können. Er selbst höre Nirvana, worüber das Publikum genauso lacht wie über die nasalierte Aussprache „Chopööön“ von Bassist Boris „the Beast“. Als Krebs erklärt, er höre John Cage, lacht plötzlich keiner mehr.

Dies ist insofern programmatisch, als dass Krebs der musikalische Profi des Abends ist. Der studierte Jazzpianist und Wahlhamburger sorgt bei den beiden Jungs mit ihren Gitarren für melodische Vielfalt, treibt seine Lieder am E-Piano mal mit ein bisschen Boggie, mal jazzig durch die Halle. Bühnenprofis sind aber alle drei. Kling, Krebs und Fischer ergänzen sich nicht nur musikalisch, sondern auch in ihren verschiedenen Herangehensweisen an den Humor verschmelzen sie zu einer Supergroup modernen Kabaretts.

Kling und Fischer kennen sich von der Berliner Lesebühne „Lesedüne“, wo sie seit 2006 mit „systemrelevantem Humor“ den Kapitalismus durch den Kakao ziehen. Wiederkehrende Themen bei beiden, wie Rassismus, Finanzpolitik, NSA-Affäre und Konsumirrsinn, finden sich auch bei Krebs, sein Spott ist aber ein wenig persönlicher. Er richtet sich eher implizit gegen das System wenn er lässig über seine Freundin, die „Grundschullehrerin“ („Es gibt so viele blöde Jobs / und so wenig schöne Frauen“) lästert und in „Wir hatten keine Chance“ bedauert, als Jahrgang 1974 ohne Supernanny, Peter Zwegat oder Jürgen Domian aufgewachsen zu sein.

Marc-Uwe Kling wechselt an diesem Abend zwischen schnoddriger Coolness und latenter Angepisstheit. Im „Lied von der Verweigerung“ wird dies ebenso deutlich wie in dem zunehmend larmoyant vorgetragenen Chanson „Hobby“, das er immer mal wieder anstimmt: „Ich hätte auch so gern ein Hobby (…) Schützenverein, Freunde treffen“.

Hätte auch gern ein Hobby außer Gitarre spielen: Marc-Uwe Kling, Foto: Maxi Braun

Als Kontrast gibt Poetry Slammer Julius Fischer die Frohnatur. Pure Selbstironie seine Rapeinlage oder der Song, der u.a. von der Bürde seines bürgerlichen Namens „Adolf Susanne Darth Vader“ handelt, voll bizarrer Poetik sein Liebeslied „Schneeflocke“: „Meine Vergleiche sind wie Rentnerzähne / Sie haben keinen Biss / Sind an den Haaren herbeigezogen / Und die Haare haben auch noch Spliss“.
Das satirische Spektrum insgesamt reicht so von lässiger Süffisanz bis in die schwarzhumorigen Tiefen des gesellschaftsverachtenden Zynismus.

Die Zeit im Spotlight teilen sich die drei so basisdemokratisch wie die technischen Pannen. Ob es anfangs im Lautsprecher unangenehm knackt, Krebs Mikrofon umkippt oder Kling die Gitarrenseite reißt – aus der Ruhe bringt das auf der Bühne niemanden. Wie gut das Trio auf Tour harmoniert, beweisen die beiden Zugaben. Krebs animiert das Publikum dazu, bei seinem „Loide“ im Chor auf jeden einzeln gemünzt den Refrain „Du kannst uns alle mal am Arsch lecken“ anzustimmen. Zum Abschluss erklingen die ersten, düsteren Akkorde von Klings „Scheißverein“, euphorisch begrüßt vom diesmal unaufgefordert mitsingenden Publikum.

Wer Krebs, Fischer oder eben Kling bis zu diesem Abend nur als Solisten kannte, bekommt bei „Viel Schönes dabei“ das Beste aus den Soloprogrammen der einzelnen Künstler geboten. Darüber hinaus kreieren die drei ein bissiges Potpourri, das professionell und zugleich wie die spontane Jam-Session dreier kluger Menschen wirkt, die ihre Kunstform zwischen klassischem Politkabarett und musikalischer Comedy gefunden haben.

Es gibt noch einen weiteren Auftritt in NRW: „Viel Schönes dabei“ | 2.6. 20 Uhr | zakk | Fichtenstraße 40, Düsseldorf | www.zakk.de/

Maxi Braun

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