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Macht packenden Post-Dubstep und trägt einen Hut: SOHN am Synthy
Foto: Dominik Lenze

Missglücktes Rendez-Vous zu großer Musik

21. August 2017

Ruhrtriennale: Die Ritournelle am 19.8. in der Jahrhunderthalle Bochum – Musik 08/17

Hochkultur trifft Subkultur. Klappt das eigentlich?

Zumindest wird es immer wieder gerne versucht, gefolgt von der Behauptung, es habe geklappt. Aber will man Teil eines Clubs sein, der bereit ist, jemanden wie uns aufzunehmen? Wir werden sehen. Denn mit der Ritournelle (Samstag, 19.8.), der langen Nacht der elektronischen Musik im üblichen Industrie-Ambiente der Bochumer Jahrhunderthalle, hat sich auch die Ruhrtriennale ein letztes Mal versucht, zusammen zu bringen, was zusammenpassen könnte. Auf der Hauptbühne spielten SOHN, Nicolas Jaar und andere, während die auf dem Gelände verteilten Tanzflächen von diversen DJs der hiesigen Szene bespielt wurden.

Eins muss man der Ritournelle lassen: Sie schafft es seit Jahren, konstant Leute mit der Ruhrtriennale in Kontakt zu bringen, die ansonsten wenig zu schaffen haben mit der hiesigen Kultur- und Theaterszene. Auf der Bühne in der Jahrhunderthalle standen in der Vergangenheit schon Größen wie Moderat, Peaches oder Caribou. Dabei achten die Veranstalter offenbar bewusst darauf, dass den Acts auf der Main-Stage stets ein Hauch von Intellekt und Künstlertum anhaftet.

Zum Beispiel SOHN: Wie viele großartige Vertreter der elektronischen Musik sucht der Londoner aus den Überresten von Dubstep, was noch zu gebrauchen ist und singt darüber Pop-Songs, die sicher das eine oder andere Herz berühren. Beispiel: „The Wheel“. Ein Vocal-Sample wie aus einem Ambient-Song wird nicht allzu brutal zerschnitten und hüpft heiter über die noch nicht eingesetzten Drums. Es folgen sphärischer Gesang, dann zurückhaltende Percussion und irgendwann später ein schüchternes Finale auf verspielten Synthies. Das Rezept ist nicht so Avantgarde wie es scheint: Die ebenfalls von der Grime&Dubstep-Insel stammende Emika, macht in etwa dasselbe in düster und (meistens) mit etwas weniger Schmalz. Der Vorteil solcher Acts, die sich mehr als Künstler denn als Musiker verstehen: auf der Bühne gibt’s die große Show. Mit großen Gesten, grellen Lichtern und einem funky Hut auf dem Künstlerkopf.

Ruhe der Bühne, Ekstase auf der Tanzfläche: Nicolas Jaar, Foto: Dominik Lenze

Dass etablierte Acts wie SOHN routiniert abliefern, steht auch jenseits von Geschmacksgrenzen fest. Aber hier geht es ja nicht nur darum, tolle Konzerte auf die Bühne zu bringen. Die Ruhrtriennale, das Kulturereignis des Reviers schlechthin, lädt die florierende Subkultur zum Rendezvous. Aber Techno und Konsorten lassen sich nur ungern in feine Läden ausführen: Ein dreckiger Club gefällt dieser aufgeputschten Braut mit ihren weit aufgerissenen Augen immer besser, als ein schickes Etablissement, in dem das Barpersonal Uniform trägt.

Man kann es der Ruhrtriennale nicht so wirklich zum Vorwurf machen: Mit dem Team vom Essener Goethe-Bunker, dass die Tanzfläche am Wasserturm bespielte, haben die Veranstalter schließlich eine gestandene Szene-Institution mit im Boot. Das Problem ist viel allgemeiner, und trifft fast immer zu, wenn es die „Hochkultur“ „der Szene“ respektive „der Subkultur“ gestattet, in ihren heiligen Hallen zu spielen: die Bestie landet zwangsläufig im Käfig, und sei er auch mit noch so viel Liebe gestaltet.

Was gehört zu einer langen Nacht der elektronischen Musik? Ewig lange DJ-Sets mit einem Finale wie ein Orgasmus, Ekstase und ganz viel Wahnsinn. Genug Wahnsinn, um auch den Kaputten und Zerstörten, den Drogenfreaks und Pillenschluckern ein kleines Niemandsland ohne Grenzen zu bieten. Genug Wahnsinn für etwas Zaubertheater, Eintritt nur für Verrückte (Hesse, damals war es Jazz) – um es auch den „Intellektuellen“ verständlich zu machen, die sich auf solchen Parties eigentlich nur mittelmäßig wohl fühlen dürf(t)en.

Nicolas Jaar, der frecherweise nicht einmal eine volle Stunde seinen anständig ballernden Post-House spielte, ist zumindest musikalisch der beste Kompromiss zwischen diesen beiden Welten. Doch es fehlt nicht an Kompromissen, sondern an Kompromisslosigkeit. Vermissen wird man die Ritournelle, die laut Triennale in diesem Jahr das letzte Mal stattgefunden hat, trotzdem. Hoch- und Subkultur werden wohl niemals ein Paar, zumindest nie ein gleichberechtigtes. Auch die Ritournelle hätte die beiden nie verkuppeln können: Techno zieht Speed-Lines auf dem Klo und die Hochkultur schaut beeindruckt auf SOHN und seinen Hut; vermutlich hätten Sie sich auf dieser Party niemals kennen gelernt. Aber immerhin, auf die seit Jahren konstant großartige Musik hätten sie sich mit Sicherheit einigen können.

Dominik Lenze

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