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Marcel Proust – in Bildern und Dokumenten

Madeleines und andere Gegenstände der Verführung

17. Dezember 2012

Die Ur-Großnichte zeigt „Marcel Proust – in Bildern und Dokumenten“ - Literatur 12/12

Der Titel „Marcel Proust – in Bildern und Dokumenten“ klingt schmucklos. Aber hinter ihm verbirgt sich nicht nur für die eingeweihte Gemeinde der Proust-Kenner eine Schatztruhe literarischer Kostbarkeiten. Die Ur-Großnichte Patricia Mante-Proust hat gemeinsam mit Mireille Naturel - einer Kennerin des Werkes - Dokumente aus dem Familienbesitz und den Schubladen von Tante und Großmutter zusammengetragen, die die Freude an Prousts Texten wieder zusätzlich entfacht. Denn während die Frage nach den biographischen Bezügen zwischen Werk und Person bei den meisten Schriftstellern nur Langeweile hervorruft, ist sie bei Proust von besonderem Interesse. Seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ liegt ein dicht geknüpftes Netz aus Personen, Beziehungen und Orten zugrunde, das den beständigen Dialog zwischen Realität und Fiktion befeuert. Auch deshalb bemerkt die Ur-Großnichte, dass „die Proustianer Objekten eine große Bedeutung (zu messen), ebenso wie der „Erzähler“ selbst“. Das wurde ihr schon als Kind bei den alljährlichen Treffen der Anhängerschaft im Grand Hotel von Cabourg in der Normandie klar, wo sie sich von den älteren Herrschaften ein ums andere Mal entzückt in die Wangen kneifen lassen musste, nachdem die für sie vollkommen ereignisarmen Feierstunden ein Ende gefunden hatten.

Der prächtige Bildband, den sie und Mireille Naturel nun in der Edition Olms vorlegen, ist deshalb auch mehr als ein weiteres Coffeetable-Book, das schleunigst ins Regal gehört. Vielmehr lädt es auf kluge, verführerische Weise zu Entdeckungen ein. Entdeckungen nicht nur der magischen Madeleines, sondern auch von Häuser, Bildern, Szenen, Städten und faszinierenden Männern und Frauen. Die beiden Herausgeberinnen zeigen die Dokumente, sie setzen sie mit ihrem Wissen und mit Fotografien unserer Gegenwart in Verbindung und sie lassen die Texte des Romans in Auszügen erklingen. So kann sich der Zauber der Romanwelt ebenso wie Prousts genauer analytischer und zugleich liebender Blick auf Menschen und Gegenstände perfekt entfalten. Ein Buch, das man immer wieder in die Hand nimmt und jedem Leser, der sich noch nicht an Prousts Werk herangetraut hat, einen köstlichen Einstieg ermöglicht.

Marcel Proust – in Bildern und Dokumenten. Hrsg. Patricia Mante-Proust, Texte von Mireille Naturel. Deutsch von Stefanie Kuballa-Cottone. Edition Olms. 194 S., zahlr. Abb., 49,95 €

Thomas Linden

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