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Meg Rosoff: So lebe ich jetzt.

Eine Liebesgeschichte wie keine

17. Dezember 2012

Meg Rosoffs Debüt „So lebe ich jetzt“ - Literatur 12/12

Daisy ist gerade ihrem Vater und dessen neuer Lebensgefährtin entkommen. Man hat sie zur Tante, der Schwester ihrer verstorbenen Mutter, geschickt, die mit ihren Kindern irgendwo in England lebt. Als die 15-jährige Daisy mit der Reisetasche in der Hand von einem Jungen abgeholt wird, der eine Zigarette raucht und sie mit einem Jeep auf den Bauernhof der Familie fährt, staunt sie nicht schlecht. Edmond ist cool, ebenso wie die nette Tante. Edmonds entzückende kleine Schwester Piper zeigt ihr gleich die Tiere und schenkt ihr einen kleinen Geißbock. Die beiden anderen Brüder reden nicht viel, sind aber klug. Einer ist ein begnadeter Angler, der die gefangenen Fische gleich wieder in den Fluss wirft.

Daisy verliebt sich in Edmond, der scheinbar ihre Gedanken lesen kann. Die Tante muss nach Norwegen verreisen, die Kinder haben den Hof für sich alleine. Das pure Sommerglück, zwischen Daisy und Edmond entwickelt sich eine liefe Liebesgeschichte, die beiden schlafen das erste Mal miteinander. Eine Liebe, die ganz still macht vor Glück.

So himmlisch lässt sich Meg Rosoffs erster Roman „So lebe ich jetzt“ zunächst an. Ein Wunder von einem Buch, das der Fischer Verlag jetzt in seiner Taschenbuchreihe präsentiert. Der Roman firmierte als Jugendbuch, das mag daran liegen, dass seine Protagonisten Kinder und Jugendliche sind, literarisch ist er gleichwohl ein Schwergewicht. Wie Meg Rosoff mit wenigen Sätzen sofort die prägnanten Porträts der Familie zeichnet, in die Daisy gelangt, das ist ganz große Literatur. Und sie verschweigt nicht, dass es im Leben der Kinder, die so leicht in den Sommer hinein leben, Sex gibt. Rosoff macht vor nichts halt, deshalb folgt man ihrer Erzählspur auch gebannt. Denn es bricht ein Krieg aus, der die Kinder zunächst gar nicht berührt in ihrem ländlichen Glück. Dann werden sie jedoch in das Geschehen verwickelt. Die Armee konfiziert das Haus, Daisy und Piper werden von den Jungs getrennt und in einen anderen Teil des Landes geschafft. Es kommt zur ersten Konfrontation mit Gewalt und Tod und die beiden machen sich auf einen langen, beschwerlichen Weg zurück zur Farm.

Meg Rossoff lässt Daisy mit ihrer eigenen Stimme erzählen, ein Teenager mit lockerer Zunge, aber zugleich auch aufmerksam, mit Humor und einer Spur Melancholie, die einen gleich nach den ersten Seiten packt. Das Kriegszenario verschränkt geschickt verschiedene Ebenen, in denen etwa die idyllische englische Countryside Verwüstungen erlebt, wie sie im Balkankrieg stattfanden. Die Bilder bewegen sich wie zwischen Louis Malles Filmen „Lacombe Lucien“ und „Black Moon“ und sie greifen die Situation von Richard Mathesons Roman „Last Man on Earth“ auf, wenn die beiden durch eine Welt gehen, in der die Menschen verschwunden scheinen.

Sehr zärtlich und sehr traurig ist die Beziehung zwischen Daisy und Piper. Die ältere beschützt die Jüngere, die wie alle Kinder ihrer Familie über besondere Eigenschaften verfügt und mit Hunden zu reden versteht. Antriebsfeder für den Marsch der beiden zurück zu dem Ort, an dem sie das Paradies erlebt haben, ist Daisys Wunsch, Edmond wiederzusehen. Meg Rosoff gelingt hier eine Liebesgeschichte, wie sie die Literatur nur ganz selten hervorbringt. Es ist aber vor allem die Entschlossenheit, mit der die Amerikanerin, die im Frühjahr ihr neues Buch auf der lit.Cologne vorstellen wird, ihre Geschichte vorantreibt, ohne sich um Tabus zu scheren. Ein Roman, in dem gleich einem Wunderwerk alles zu jederzeit möglich erscheint. Dieses Stück Literatur vergisst man nicht, wenn man einmal die Zeit mit ihm verbracht hat.

Meg Rosoff: So lebe ich jetzt. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Fischer Taschenbuchverlag. 204 S., 7,99 €

Thomas Linden

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