Bei uns in der Familie gab es einmal eine Bibel. Alt, selten, teuer. Ein Kulturgut. Kurz nach dem Krieg wurde sie verwandelt. In viel Wichtigeres: zehn Schulhefte. Ein reicher Bochumer Geschäftsmann, der Name tut hier nichts mehr zur Sache, machte den Deal. Wo sie geblieben ist, ist nicht bekannt, ist auch egal, eigentlich trauert niemand dem Erbstück so richtig nach, dem entgangenen Gewinn nur manchmal, aber es ist, wie es ist: Der Teufel scheißt immer auf den großen Haufen. Schön wäre es, wenn er sich auch mal ins Ruhrgebiet entleeren würde. Auch hier herrscht momentan Krieg, wo mit Gewalt ein Konflikt ausgetragen wird. Kultur gegen Kämmerei, Kulturhauptstadt gegen Kulturschaffende. Oder nicht?
Es scheint rosarot im Jahr des Tigers. Die Metropole Ruhr soll strotzen vor Vielfalt, und das in jeder Hinsicht. Bluff, Irreführung, Täuschung? Grenzenlose Selbstüberschätzung? Mitnichten. Die Europäische Kulturhauptstadt 2010 ist tatsächlich ein voller Erfolg. Der Wandel durch Kultur ist perfekt. Die Hälfte aller Ruhrgebietskommunen ist pleite und kann nun endlich ihre teuren Kulturinstitute abschaffen. Das nennt man dann Strukturwandel, und der ist schnell abgeschlossen. Trauert etwa irgendjemand dem grauen Himmel über Ruhr und Emscher hinterher? Möchte irgendjemand wieder auf mit Schwermetallen verseuchtem Boden leben? Na also. Momentan könnte bereits die große Abverkaufs-Schau „RuhrKunstMuseen“ für überflüssiges mobiles Kapital stattfinden. Weg mit dem ganzen Müll, der da in den Katakomben der 20 Ausstellungshäuser lagert. Ein erstaunlicher Bilderschatz mit Highlights von Beckmann oder Cezanne, Schumacher oder sogar Richter soll das sein. Super. In Zeiten knapper Kassen muss man sich von Schmuckstücken eben trennen. Das war bei unserer Bibel auch so. Wenn man also den ganzen Batzen Kunst auf den internationalen Markt werfen würde, wäre dann vielleicht das eine oder andere Loch im Haushalt gestopft, das ein oder andere Loch auf unseren Straßen wieder gefüllt. Eine neue Kultur der Verwandlung von Tafelsilber in monetäres Gemeingut muss her. Bevor man Museen schließt, kann man eben auch vorher die Sammlungen verkaufen. Schwieriger wird es mit den Theatern. Die haben nichts außer den Gebäuden. Wer kauft schon Pappmache-Kulissenwände und abgetragene Schuhe zu Wucherpreisen? Niemand, also nur zu, die Dinger.
Und die Künstler an Ruhr und Emscher? Keine Ausstellung, keine Arbeitsmöglichkeit mehr? Es gibt Hoffnung für alle da draußen, denen die Kunst wichtiger ist als das Fressen, das vor der Moral, aber nie nach Niedergeschlagenheit kommt, außer man hat es bestellt, obwohl man es nicht bezahlen kann. Die Lösung ist der Knast. Denn dort kann man sich zur Kulturhauptstadt wenigstens mal von der kreativen Seite zeigen. Eine sechsmonatige Ausstellung gibt es auch unter dem Titel „Schattenkultur“. Schirmherrin und Landes-Justizministerin Roswitha Müller- Piepenkötter nannte das Programm sogar den „Höhepunkt bisheriger Kulturarbeit im Strafvollzug“. Na also, was will man mehr? Geht doch.
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