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Fukushima, 2011
Foto: Digital Globe

„Ein Leichtes, mit dem Finger auf alle zu zeigen“

24. November 2016

Daniel Kunze inszeniert Elfriede Jelineks „Kein Licht“ – Premiere 12/16

Was der Mensch erschuf, wendet sich nun gegen ihn. Wir sprachen mit dem jungen österreichischen Regisseur Daniel Kunze über Elfriede Jelineks „Kein Licht“ im Bochumer Prinz Regent Theater.

trailer: Herr, Kunze, wie inszeniert man in einem nur gedachten Nichtraum?
Daniel Kunze: Meine persönliche Haltung dazu ist, dass man gerade in Elfriede-Jelinek-Texten oft sehr konkret einen Raum schaffen kann und muss. Damit nicht irgendwie alles zerfließt, denn die Texte sind sehr assoziativ und sehr flächig und breiten sich gern aus. Da tut es oft gut, fast auf banale Weise zu fragen: Wo spielen wir das denn eigentlich? Das schafft oft eine gute Fantasie, dass das etwas geerdet ist, bei den dann doch oft hochtrabenden Jelinekschen Texten, die man auch ein bisschen spielerisch umgesetzt kriegt.

Was machen denn Jelinek-Kaskaden für Zuschauer und Spieler so spannend?

Daniel Kunze
Foto:Presse

Zur Person

Daniel Kunze wurde 1988 in Linz geboren. Eine Verletzung verhinderte eine Fußballkarriere. Nach dem Studium der Publizistik in Wien begann er eine Schauspielausbildung. Nach Hospitanzen seit 2013 Regiearbeiten parallel zum Studium an der Folkwang Universität der Künste, wo er auch eigene Stückentwicklungen erarbeitete. Zum Abschluss brachte er kürzlich Michel Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ in eigener Fassung auf die Bühne.


Sie mäandern ja immer so um einen Kern rum. Wenn man zum Beispiel unser Stück „Kein Licht“ nimmt, da könnte man annehmen, dass es da sehr leicht wäre, bei der Regie einen auf erhobenen Zeigefinger zu machen und zu fragen: Ja wo soll denn das Licht herkommen? Wir benutzen alle Strom, und bei Fukushima sind wir alle so erstaunt. Das ist ja eine schizophrene Haltung. Und es könnte eben auch ein Leichtes sein, mit dem Finger auf alle zu zeigen: Ihr seid ja genauso schuld. Aber gerade das alles kann man mit einer Jelinek-Sprache zu machen, weil die einen so schwindelig redet, dass man erstmal krampfhaft versucht, dem Wort für Wort zu folgen. Manchmal ist es auch besser, einen Schritt zurückzugehen und diese Wellen erst auf einen zu prasseln zu lassen. Dann funktionieren sie nämlich assoziativ sehr gut. Sie hat ja auch oft durchaus wilde Wortspiele, sie wiederholt Wörter und rekontextualisiert sie. Und da machen sich neue Verbindungen auf, gerade wenn man nicht versucht, alles zu verstehen.

Wie kompliziert ist denn die Textaufteilung auf die Schauspieler?
Bei diesem Stück ist es so, dass es auch schon aufgeteilt ist. Auf die zwei Geigen A und B, die erste und zweite Geige. Von daher gibt es schon eine Grundstruktur. Jelinek hat davor und danach noch ein bisschen dazugeschrieben. Den Prolog und den Epilog, die quasi ihre Stimme sind – aber beides steht total frei im Raume. Aber ich glaube, das ergibt sich auch, wenn man Figuren vorschlägt, wenn man schaut, was lassen sich für Figürlichkeiten herauskristallisieren, und dann kann man mit so einem Text wirklich frei jonglieren.

Und die Choreografie der Schauspieler auf einer leeren Fläche?
Das gehört auch zur Anfangsfrage: Wo spielt das und inwieweit hat man eben auch Lust, Figuren herauszuarbeiten? Dann kann man sich auch Löcher schaffen, wo man mit Improvisation auch in Handlungen, in Spielabläufe kommt, die dieser Textkaskade ein bisschen entgegenwirken. Als etwas Haptisches, sozusagen als Gegengewicht.

Wenn man bei Jelinek einmal den Faden verloren hat, dann weiß man urplötzlich geschockt nichts mehr. Hilft da die Musikalität der Texte?
Das finde ich ja eigentlich einen guten Schock. Man sollte eben nicht versuchen, kognitiv ganz viel zu verstehen – und um die Musikalität kommt man gar nicht drum herum. Da würde man sich dann bei der Regie ins eigene Fleisch schneiden. Weil diese Sätze auch so gebaut sind und auch nur so funktionieren, ganz ähnlich wie bei Werner Schwab ja auch.

Das bleibt auch zeitaktuell als schöne Boshaftigkeit gegen die absehbare Naturkatastrophe?
Schöner Satz, ja, das stimmt. Klar, der Text ist erstmal aus der Fukushima-Katastrophe heraus entstanden, aber es geht ja hauptsächlich um die Beziehung Mensch/Technik, diese absurde Beziehung, wo ein normaler Mensch gar keinen Bezug mehr zu hat. Obwohl sozusagen alles von seinem Menschengeschlecht produziert werden kann. Jelinek ist ja ein großer Fan von antiken Texten, und da baut das auch alles drauf auf. Sie hat sehr viel entlehnt vom Raub des Prometheus bei Aischylos. Und erstmal basiert ja auch diese hochtechnisierte Welt auf einem Raub an Gott alias Natur. Also wo man sich da an was bedient und wir auch gar nicht mehr einschätzen können, was da noch möglich ist. Das läuft ja den hellsten Köpfen davon, was mit Sachen wie einem Atomkraftwerk alles passieren kann. Das ist irgendwie entfesselt. Und wenn wir davon alle keine Ahnung mehr haben, wie das funktioniert, wer hat dann die Antworten? Das ist das Thema des Abends. Die Frage nach der Antwort und nach Bequemlichkeit, die uns alle irgendwie betrifft, die wir die Technik nutzen.

Brauchen wir dann unbedingt einen Notausgang am Ende?
Nein. Ich habe gerade Hans Jonas gelesen. Der hat eine ganz interessante These, dass es ja gar nicht unbedingt besser für die Welt ist, dass es Menschen gibt. Und auf der Prämisse haben wir auch keine Verpflichtungen nachkommenden Generationen gegenüber. Da stellt sich jetzt wieder die Frage, ob wir unseren Lebensstil einschränken müssen, damit andere nach uns noch leben können oder ob wir einfach ein helles Feuerwerk verschießen, und dann ist es vorbei. Das ist beides gleich gut – wir müssen uns nur entscheiden. Von daher muss es keinen Notausgang geben.

Also dann doch alles nur noch postanthropozentrisch?
Postanthropozentrisch. Ja. 

„Kein Licht“ | R: Daniel Kunze | Sa 7.1.(P), So 8.1. je 19.30 Uhr | Prinz Regent Theater Bochum | 0234 77 11 17

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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