Klassenkampf auf der Kokerei Hansa in Dortmund! Das wäre 1992 eine Schlagzeile gewesen, doch hat es diesen Aufstand gegen die Schließung des Werks nie gegeben, moderat wurde die 64-jährige Steinkohle-Geschichte beendet. Heute ist die renovierte Kokerei touristische Industriegeschichte und ein außergewöhnlicher Musentempel, der Klassenkampf spielt sich in einer Kulisse aus den ehemaligen rostigen, heute denkmalgeschützten Anlagen ab. Brechts episches Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Regie von Ariane Kareev passt da formidabel hinein.
Vor und hinter den Toren der Schlachthöfe Chicagos geht es dramatisch um Johanna Dark (natürlich nicht die Jeanne d’Arc von Orléans, ein Schelm der so etwas von Brecht nur denken könnte), die sich dem Elend der Arbeiter entgegenstellt. Nachdem ihre untauglichen Versuche, die Kapitalistensäcke zu überreden, die Fabriken wieder zu öffnen, die diese wegen gieriger Machenschaften geschlossen hatten, gescheitert sind, verrät sie auch noch die Arbeiter selbst, die sich mit einem Generalstreik zur Wehr setzen wollen. An der eigenen Moral gescheitert, bricht Johanna zusammen und stirbt mit dem Wissen, dass Gott mal wieder nicht geholfen hat, dass das Kapital mit seinen Machenschaften die Oberhand behält und sie auch noch als Heilige verunglimpft. Schlimmer für sie: Die Arbeiter müssen wieder in ihr Elend zurückkehren.
Das soll in Dortmund etwas anders enden. Ariane Kareevs Inszenierung sucht nach einer Lösung für Brechts Johanna, natürlich ohne die ewigen kapitalwirtschaftlichen Faktoren zu biegen oder die gut hundertjährige Betrachtung des Stücks, an dem auch Elisabeth Hauptmann mitgearbeitet hat, zu ignorieren. In der riesigen Kokerei entsteht „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in einer Spiegelstruktur parallel an zwei Orten. So läuft die Handlung wie ein Perpetuum Mobile ab. Alle Konflikte und Machtmechanismen sollen sich virtuos um sich selbst drehen, ohne dass eine faktische Veränderung sichtbar wird. Dass sich gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Strukturen wiederholen, kann man momentan bequem vom Sessel aus beobachten; in der industriellen Ruine der Kokerei arbeitet die Regie deshalb mit dem großen Ensemble, dem Dortmunder Sprechchor und zahlreichen Zirkusartistinnen und so wird aus dem bewegenden Drama auch ein bewegtes Spektakel. Die Revolution bleibt aus.
Die heilige Johanna der Schlachthöfe | Premiere: Sa 14.11, 19 Uhr | Kokerei Hansa Dortmund | Infos: 0231 50 27 222
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