Was haben ein Fiat 500, ein ausgewachsener Flachlandgorilla oder eine Gruppe aus acht bis zehn Menschen gemeinsam? Alle drei Beispiele bringen knapp 620 Kilogramm auf die Waage. Das entspricht dem Gewicht an Müllverbrauch pro Kopf in Deutschland im Jahr 2021. Seitdem hat sich dieses jeweilige Abfallaufkommen zwar reduziert. Aber wer diese Kilogramm durch die Bevölkerungszahl von 82 Millionen multipliziert, kann sich leicht vorstellen, welcher Müllhaufen sich daraus akkumuliert. Eine solche Halde aus unter anderem Möbelstücken, Waschmaschinen und viel Fast Fashion ist es auch, die im Mittelpunkt von Cecilia Moisios „Waste Me“ steht, eine Performance, die im Rahmen der Ruhrtriennale ihre Deutschlandpremiere feiert.
Die finnische Choreografin lässt für ihren Reigen über die Wegwerfgesellschaft fünf Darsteller:innen aus den Konsumruinen steigen, Hybridwesen aus Menschen und Warendingen. Wie in ihren knapp 30 Stücken, die in 16 Ländern aufgeführt wurden, setzen Moisio und ihre Kompagnie auch in „Waste Me“ auf einen multidisziplinären Stil aus Tanz, Theater und Performancekunst. Und wie in ihrem bisherigen Oeuvre dreht sich ebenso in dieser Koproduktion mit dem Maas Theater in Rotterdam Einiges um die Abgründe menschlicher Fassaden. Moisio bezeichnet ihre künstlerische Herangehensweise als psychologischen Aktivismus. Die Müllberge lassen sich demnach als Allegorie des Verdrängten lesen.
Ihr explizit auch an Familien und Teenager adressiertes Stück eröffnet in der Festivalrubrik „Junge Triennale“ zugleich eine Konsumkritik an eine Gesellschaft, in welcher der Erwerb von neuen Dingen durch den Onlinehandel immer schnelllebiger wird und die Menschen sich durch ihren Besitz definieren. Das erinnert an Klassiker wie Erich Fromms „Haben oder Sein“; oder an Karl Marx‘ Analyse des Fetischcharakters, laut der sich die Waren auf den Kopf stellen und als „sinnlich übersinnliches Ding“ ein Eigenleben zu entwickeln scheinen. In „Waste Me“ erwartet das Publikum eine Trash-Art-Dystopie über die Kehrseite an Abfallbergen, in der die aus der Wertzirkulation ausgeschlossenen Produkte als eine Wiederkehr des Verdrängten zu tanzen beginnen.
Waste Me | C: Cecilia Moisio | Do.,17.9., 11 Uhr, Fr., 18.9., 11 Uhr, Sa., 19.9., 19 Uhr, So, 20.9., 15 Uhr | Pact Zollverein (Essen) | Ruhrtriennale
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