Gerade in den Bühnenhäusern des Ruhrgebiets gehört es mittlerweile zum festen Repertoire, dass Streetdance oder Hiphop in den Programmen Einzug halten. Im Theater Oberhausen wurde bereits in der Spielzeit 2023/34 ein Urban Arts Ensemble installiert. Dessen Co-Leiter Kwame Osei, einer der renommiertesten Krump-Tänzer Europas, wird im nächsten Jahr mit Muhammed Kaltuk den Tanzabend „Realitäten“ nach Motiven des Schriftstellers und Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin auf die Bühne des Musiktheaters im Revier bringen, genau dort, wo Kaltuk seit dieser Spielzeit die künstlerische Leitung der Tanzsparte übernimmt.
Zuvor eröffnet Kaltuk in Gelsenkirchen mit dem Stück „Kleine Hände“ auf der Grundlage von Songs der Liedermacherin Bettina Wegner, die in der Choreografie mit den Kompositionen von Garbriel Mareque verschmelzen. Der Titel dieses Tanzabends spielt auf Wegners bekannte Ballade „Kinder“ (auch bekannt als „Sind so kleine Hände“) an, der durch die US-amerikanische Sängerin John Baez auch internationale Verbreitung fand. In Anlehnung an das antiautoritäre Anliegen der einstigen DDR-Dissidentin dreht sich Kaltuks Choreografie um die Spuren von Gewalt und um die Potentiale an Gestaltungskraft, welche sich unter anderem in Händen verdichten.
Ausgangspunkt von Kaltuks Stückentwicklung waren die ersten Begegnungen und Gespräche, die der gebürtige Schweizer in Gelsenkirchen führte. Dass die hiesigen sozialen Realitäten aus Handlungsspielräumen und Ohnmacht in seine Choreografie hineinragen, lässt sich als Wink an die Urban Arts auslegen, in denen es um künstlerische Ventile oder um Alltagserfahrungen aus Armut bis Rassismus geht. Und des knüpft an seine bisherigen Tanzstücke wie „Father Politics“ oder „Same Love“ an, welche die Emotionalisierung durch die herrschende Politik zum Anlass nahmen.
Kaltuk machte seine ersten Tanzschritte im Hiphop (erster Platz in der Schweizer Meisterschaft 2014), bevor der Sohn einer türkischen Familie und ausgebildete Pflege-Assistent an der Höheren Fachschule für Zeitgenössischen und Urbanen Bühnentanz (HF ZUB) in Zürich studierte. Ballett und Battles schließen sich für den Gründer der Company MEK (2017) somit nicht aus, sondern widmen sich in Kombinationen auch den handgreiflichen Realitäten Gelsenkirchens.
Kleine Hände | C: Muhammed Kaltuk | Sa.,14.11., 19 Uhr, So., 22.12., 16Uhr | Musiktheater im Revier (MiR)
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