Der Begriff geistert zuhauf durch die Medienberichterstattung: Von Kipppunkten ist die Rede, um auf einen Wegmarker, einen Schwellenwert hinzuweisen, der einen Zustand einläutet, der sich wiederum vom Vorherigen markant unterscheidet. Zunächst in der Klimaforschung angewendet, um großskalige Änderungen in der Erderhitzung zu markieren, finden sich die Kipppunkte derzeit ebenso inflationär im politischen Diskurs – als Wendepunkte zum Illiberalismus und der Erosion konstitutioneller Institutionen.
„Kipppunkte“ ist auch der Titel eines „choreografischen Doppelabends“ im Theater Oberhausen. Mit Yeliz Pazar und Christian Zacharas aka Robozee sind es zwei Szenegrößen des Streetdance, die auf der Bühne das besagte Leitmotiv in eine Tanzausdruckssprache übersetzen. Wobei das Wanken zwischen dem Alten und dem Neuen, der Sprung (oder Sturz) ins Ungewisse, Nebelhafte wohl bewusst offen und assoziative gehalten ist: Der Bruch kann eine politische Entscheidung, aber auch ein Moment im Privaten sein.
Der Bühnenabend dreht sich dabei um die zwei Zustände, welche der Bruch trennt, das Vorher und Danach. So sind es zwei eigenständige Tanzstücke, die um den Einschnitt kreisen und sich gegenseitig verknüpfen. Den ersten Part übernimmt die Düsseldorfer Choreografin und Gründerin des Tanzkollektivs nutrospektif, Yeliz Pazar, deren Stil sich unter anderem aus Hiphop, Breaking oder House speist. Dazu gehören Moves aus dem Popping, Locking oder das Waacking, also ein urbanes Bewegungsarsenal, das auf die latein- und afroamerikanische LGBT+-Szene der frühen 1970er zurückgeht.
Auf solche subkulturellen Einflüsse greift auch Christian „Robozee“ Zacharas zurück, der für den zweiten Teil des Abends verantwortlich zeichnet. Durch seinen markanten stakkato-artigen Popping-Stil erhielt der 1983 in Kassel geborene Tänzer den Roboter-Spitznamen. In einem Interview beschrieb Zacharas die Vorzüge seiner Tanzsprache als etwas Transformatives, man könne „etwas Anderes, Unmenschliches sein, eine Maschine, ein Cyborg, oder ein Roboter, Terminator-mäßig“. Das klingt wahrlich nach einem anderen Zustand nach dem Kipppunkt.
Kipppunkte | Fr. 23.10. 19.30 Uhr, So. 25.10. 18 Uhr | Theater Oberhausen
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