Mutter, der Mann mit dem Koks ist da. Wer da jetzt sofort an Falco denkt, liegt natürlich richtig, scheint aber eher spätgeboren zu sein, denn die Zeile stammt aus einem Berliner Gassenhauer, wohl vom Ende des 19. Jahrhunderts. Und Gassenhauer (bekanntes Lied, Ohrwurm) ist auch die Verbindung vom Koks zu Bertolt Brecht und Kurt Weill und ihrer „Dreigroschenoper“ im Ruhrgebiet. Schräge Kausalität? Nee. Verknüpfung eins: Das Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern wird im Salzlager der ehemaligen Kokerei Hansain Dortmund aufgeführt. Die weitere Verknüpfung sind die „Gassenhauer“ im Theaterstück. „Und der Haifisch, der hat….“ Das können die meisten nahtlos weitersingen, zumindest von den Frühgeborenen. Damit alle dann wissen, dass der Haifisch auch Zähne hat, sollten sie sich unbedingt Julia Wisserts tolle Inszenierung der „Böse Bettler“-Oper im rostigen Ambiente des Salzlagers anschauen und – Mackie Messer ist Allgemeinwissen.
Die wilde Auseinandersetzung zwischen Bettler-Mafia und Kriminellen-Gang, in der auch korrupte Polizei eine nicht unwichtige Rolle spielt, scheint ein universelles Grundmuster moderner Gesellschaften zu bedienen. O.k., die Bettler-„Organisation“ bräuchte einen neuen Namen, aber ansonsten sind alle Protagonisten der Oper heute irgendwie noch vorhanden – nur Könige sind selten geworden. Selbst das damals vorherrschende Frauenbild scheint ja langsam am Horizont wieder aufzutauchen, wenn auch Regisseurin Julia Wissert die modernen Internet-Tradwifes im trailer-Interview zurecht relativiert und sie „an und für sichfür einBusinessmodell hält“.
Um gleich noch einmal an die Gassenhauer zu erinnern: Coole Seeräuber-Jennys sind das sicher nicht, obwohl die im dreckigen Londoner Stadtteil Soho des Stücks zu finden waren und in der Inszenierung zu finden sind. Die ehemaligeKokerei Hansa schwelgt dafür eher im restaurierten Edelrost: Wo Kohle zu Koks entgast wurde, befinden sich heute so genannteEventlocations, die Malocher sind nur noch eine geschönte Erzählung aus der Industriekultur-Mär. Aber für eine „Dreigroschenoper“ scheint der Raum perfekt, spiegelt er doch die Atmosphäre des Stücks sicher einmal ganz anders, wenn auch die Bettler im Ruhrgebiet heute ganz andere sind: Wovon lebt der Mensch? Nehmen Sie ruhig das Sektchen in der Pause: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Die Dreigroschenoper | Fr 16.10. 19 Uhr (P) | Kokerei Hansa (Salzlager), Dortmund | 0231 50 27 22
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