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Hans Günter Golinski
Foto: © Stadt Bochum / Lutz Leitmann

„Bildzerstörung ist ein Phänomen in allen Religionen“

29. November 2018

Bochumer Museumschef Hans Günter Golinski über „Bild Macht Religion“ – Sammlung 12/18

Kunst über den Glauben: Direktor Hans Günter Golinski über „Bild Macht Religion“ im Kunstmuseum Bochum. Es zeigt spektakulär Kunst über den Glauben zwischen Verehrung, Verbot und Vernichtung. Direktor Hans Günter Golinski hat die Ausstellung mit Religionswissenschaftlern der RUB kuratiert.

trailer: Herr Golinski, im Advent die erste Frage: Der Weihnachtsmann wurde nicht von Coca-Cola erfunden, aber durch den Konzern zu einer ziemlich pervertierten Ikone christlichen Glaubens. Er kommt in der Ausstellung nicht vor, oder?
Hans Günter Golinski: Ikone christlichen Glaubens ist gut. Wir haben uns mit Kunst beschäftigt, die einerseits an religiösen Stätten vorkommt, das betrifft allen voran die historischen Exponate, also aus Synagogen, aus Moscheen, aus Kirchen, dort ist der Weihnachtsmann eher selten zu sehen. Andererseits zeigen wir ja primär zeitgenössische Kunst, und wenn es ihn in dem Zusammenhang gegeben hätte, wäre er hier auch zu sehen. Allerdings geht es darum, dass Künstler mit diesen religiösen Bildern so arbeiten, dass diese lang tradierten Gewohnheiten umgeswitcht, enttabuisiert, gebrochen und auch provoziert werden. Das funktioniert allen voran bei den abgesegneten Religionssymbolen und das ist ein Aspekt der, ich behaupte mal, kunstimmanenten Zerstörung.

Hans Günter Golinski
Foto: © Stadt Bochum / Lutz Leitmann
Zur Person
Hans Günter Golinski hat Pädagogik in Wuppertal, Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Bochum studiert. In den 1980ern war er Kunst am Bau-Beauftragter des Landes NRW, dann Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rheinischen Landesmuseum in Bonn und wissenschaftlicher Kustos am Museum Bochum. Seit 1997 ist er dort Direktor.

Ein zentrales Werk ist der im Mittelalter zum Kreuz umgearbeitete jüdische Grabstein. Zeigt er auch, dass Bildzerstörung kein Phänomen zeitgenössischer Religionsfanatiker ist?
Wir hören und lesen ja in den Medien immer: der Islam, der Islam und nochmal der Islam. Kurz nach der Bilderfeindlichkeit des Islams kommt schon das Judentum. Das war uns deshalb sehr wichtig zu sagen: Bildkritik und Bildzerstörung sind kein Phänomen irgendeiner Religion. Das war auch eine wichtige Erkenntnis der sich im Boot befindenden Religionswissenschaftler der Ruhr-Uni. Dass alle Religionen im Prozess der Geschichte – und Religion ist ja immer ein Prozess – mal mehr zu einer Bildfreundlichkeit bis hin zur Bildfaszination neigten, um dann wieder eine gewisse Distanz zu bekommen, bis dahin, dass es zur Bildzerstörung kommt, wird gleich im zweiten Raum der Ausstellung aufgegriffen. Das ist ein Phänomen, das in allen Religionen gleich ist, und wir wollen Vorurteile gegen bestimmte Religionen und den damit verbundener Kulturen relativieren.

Und wie lange choreografiert man eigentlich an so einer Ausstellung, die ja in Bochum Teil einer Reihe ist und viele Werke enthält, die eigentlich schon selbst interpretieren?
Also wir fokussieren uns auf das Christentum insgesamt. Uns hat die De-facto-Zerstörung von Kunst interessiert und es gibt Theorien und Dogmen, die sich über die Geschichte der Bilder unterschiedlich visualisiert haben. Dazu kommt die Frage, wie weit das in das Denken und Bildervokabular von zeitgenössischen Künstlern geht. Wie spielen die mit diesen Zerstörungen? Ein frühes Beispiel dafür ist George Grosz mit seinem Christus am Kreuz, wo er eigentlich Sinnbilder geben will für die christliche Gesellschaft, die den Ersten Weltkrieg geführt hat, und die hat sich eben nicht christlich verhalten. Dementsprechend zeichnet er einen Christus, der ein furchtbarer Typ ist. Blasphemie darin ist ihm vorgeworfen worden. Künstler enttabuisieren mit solchen Darstellungen und wecken damit ein neues Bewusstsein für Kultur, teilweise aber auch innerhalb der eigenen Kunst. Kippenberger antwortet später beispielsweise mit seinem grünen Frosch. Das Ausstellungskonzept selbst haben wir mit einem Team von Religionswissenschaftlern entwickelt, da ist eine sehr massive wissenschaftliche Basis gegeben. Die Ausstellung argumentiert in hohem Maße visuell.

Parastou Forouhars „Written Room“, Foto: Kunstmuseum Bochum

Das Bild an sich ist heute eine der mächtigsten Waffen, der digitale Raum macht die Zerstörung von Götzen fast unmöglich. Hat das Virtuelle den objektiven Wert von Bildnissen nicht längst zerstört?
Uns geht es ja gerade im Zeitalter von Digitalisierung darum, die Bedeutung des Originals nochmal spürbar werden zu lassen. Und Originale funktionieren im religiösen Bereich mindestens so gut, wenn nicht sogar noch besser als im Kunstbereich. Denken Sie nur an Reliquien, das Schweißtuch von Turin oder ähnliche Sachen. Das kann Digitalisierung nicht auffangen. Uns geht es mit den analogen Medien auch darum, auf das, was im digitalen Raum auch meinungsmäßig passiert, zu reagieren und einen Absolutheitsanspruch zu relativieren, der ja auch von den Religionen gestellt wird. Diese Kritikfähigkeit zu behalten, nicht zu glauben, was da steht oder was da behauptet wird, immer sich auch bei massiv heilig erscheinenden überlieferten Weisheiten eine Grundkritikfähigkeit, aber auch eine Toleranzfähigkeit erhalten.

Ist Kippenbergers grüner Frosch („Zuerst die Füße“, 1990) eine Karikatur oder schon Bildzerstörung?
Das ist eine Form von „Bild im Kopf“-Zerstörung. Der zeitgenössische Künstler macht nichts mit der Axt kaputt, sondern er bringt es auf subtile Weise fertig, diesen Zerstörungsprozess einzusetzen, aber nicht aus Gewalttätigkeit, sondern um den Kopf rein zu machen. 

Bild Macht Religion | bis 24.2. | Kunstmuseum Bochum | 0234 910 42 30

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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