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Dada Masilos „The Sacrifice (Das Opfer)“ (2021)
Foto: John Hogg

Botswana statt Ballett

30. Mai 2022

„The Sacrifice (Das Opfer)“ in Recklinghausen – Tanz an der Ruhr 06/22

Nach über hundert Jahren überrascht es, weswegen die berühmte Pariser Uraufführung von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ 1913 in Tumulte und Handgemenge ausartete: Der dissonante und perkussive Rhythmus in Vaslav Nijinskys Choreografie soll es gewesen sein, der das Publikum empörte. Doch aus heutiger Sicht irritiert dagegen das Sujet, schließlich dreht sich das Ballettstück um ein archaisches Ritual, in dem eine Frau geopfert wird – zur Versöhnung mit der Natur bzw. dem Frühlingsgott.

Es schien also nur eine Frage der Zeit zu sein, dass sich die international renommierte Tänzerin Dada Masilo mit der Produktion „The Sacrifice (Das Opfer)“ dieser primitiven Episode der europäischen Bühnengeschichte widmet. Oder vielmehr abwendet: Denn die im Juli 2021 beim Impuls-Festival Wien uraufgeführte Choreografie erforscht die Tänze und Rituale Botswanas. Und Masilo ist ebenso dafür bekannt, Geschlechterrollen zu hinterfragen.

Masilo demonstrierte bereits in ihrer Adaption von Tschaikowskis „Schwanensee“, wie sich die im Ballett üblichen Positionen wie der Pas de deux überwinden lassen. Mit eingestreuten Elementen der afrikanischen Tanztradition unterwanderte die in einem Township von Johannesburg aufgewachsene Künstlerin die westliche Hochkultur: Im „Schwanensee“ verdrängte etwa ein befreites Bodenstampfen die klassische Arabeske, eine Körperhaltung, in der Tänzer:innen die Fersen nach oben richten, um auf den Fußspitzen zu ziselieren.

Auch in dem in „The Sacrifice (Das Opfer)“ erprobten Botswana Dance ist es so, dass die Akteure expressiv auf den Sohlen tanzen. Ohnehin verzichtet Masilo darauf, mit den elf Tänzer:innen ihres Johannesburger Ensembles Strawinskys Ritual zu reproduzieren. Stattdessen geht es um eine Befreiung der Frau aus der dargestellten Opferrolle. Die Ausgangsfrage ihrer aktuellen Produktion lautet vielmehr, was wir im alltäglichen Leben opfern.

Dass Masilo ihre Aufführung während der Pandemie entwickelte, sorgte für eine Fokusverschiebung: Ursprünglich wollte die südafrikanische Choreografin die Strawinsky-Vorlage als eine düstere Auseinandersetzung mit Macht und Gewalt aufgreifen. Am Ende wurde es ein Reigen über Schönheit und Trauer.

The Sacrifice (Das Opfer) | R: Dada Masilo | 4., 5., 6.6. | Ruhrfestspielhaus Kleines Haus Recklinghausen | 02361 91 80

Benjamin Trilling

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