Das Konzert von Richard Thompson im Dortmunder Piano vor einem Jahr ging in sein letztes Viertel, da führte der Nebenmann selbstvergessen mit der Rechten mein Weizenglas vom Stehtisch zum Mund, mit der Linken seine Bierflasche festhaltend. Es war diese Art von Konzert.
Am 13. Juni kommt Thompson wieder ins Piano. Der mittlerweile 77-Jährige öffnete mit der Band Fairport Convention in den späten 60ern und frühen 70ern den Folk für Rockelemente, später begann er eine Solokarriere. Oft spielt er sein 1969 von Sandy Denny gesungenes „Genesis Hall“ in Erinnerung an die Band. Der Anlass zum Schreiben des Lieds war Wohnungsnot, Hausbesetzung und soziale Ausgrenzung; erschreckend aktuell auch heute. Gerne stürzt er sich in „Johnny‘s Far Away“ aus 2007, ein Shanty nach Thompson-Art: Der Plot spielt auf See, und der Refrain mit der „rolling sea“ bietet sich zum lautstarken Mitsingen an – gleichzeitig ist das Stück eine Beziehungs- und Psychostudie mit einem trügerischen Happy End.
Thompson schüttelt solche Songs haufenweise aus dem Ärmel. Auf seinen Konzerten spielt er sich lustvoll durch sein Repertoire von fast 60 Jahren. Nur mit der Akustikgitarre bewaffnet, braucht er live keine Band: Rhythmus, Leadgitarre und Soli, all das deckt Thompson meist selbst virtuos ab. Viele halten ihn für den besten Gitarristen nach Jimi Hendrix. (Nicht Clapton? Nein – der ist der gleichen Meinung.) Die erste Hälfte seiner Konzerte bestreitet er solo, den zweiten Teil mit Lebensgefährtin und Begleitsängerin Zara Philips. Er ist nach wie vor gut bei Stimme, ein Händchen für eingängige Melodien und Texte hatte er eh immer schon, sein trockener Humor unterläuft die schonungslose Direktheit seiner Texte. Die letzte Zeile seines 2013er Songs „My Enemy“ drückt seine Lebenseinstellung aus: „At the end of the day / it‘s still too much effort / to hate.“ Hass ist auf die Dauer einfach zu anstrengend.
Im letzten Jahr war ein Großteil des Saals im Piano bestuhlt, womöglich mit Rücksicht auf die Fans der ersten Stunde – so war das Konzert ruckzuck ausverkauft. Dieses Mal scheint Platz für mehr Ticketkäufer:innen zu sein. Aber mein Weizenbier bekommt ihr diesmal nicht.
Richard Thompson & Zara Philips | 13.6. 20 Uhr | Musiktheater Piano, Dortmund | 14.6. 19 Uhr | Freideck Kantine Open Air, Köln
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