Die Bühne im nahezu ausverkauften Bahnhof Langendreer ist in Halbdunkel getaucht, unter einem Hutgebilde irgendwo zwischen Sombrero und Lampenschirm ist das Gesicht des Musikers nur schwach zu erahnen – dennoch bittet der Mann, der seit ein paar Jahren unter seinem Nachnamen Dekker auftritt, nach dem zweiten Song, neben kleinen Korrekturen am Sound, um ein weiteres Abdimmen des Bühnenlichts. Hier ist jemand arg menschenscheu, scheint sich nicht so recht wohl zu fühlen auf der Bühne. Dabei kommen die meisten seiner Songs beim oberflächlichen Hören so leichtfüßig, entspannt und unbeschwert daher, erinnern ein wenig an Jack Johnson. Erst in den Texten scheint eine tiefe Verletzlichkeit durch, thematisiert Brookln Dekker Depressionen und Ängste.
Startschwierigkeiten
Ebenso wie in den Texten gibt sich der Mann mit dem Hut auch in seinen zunächst sehr reduzierten Ansagen. Er erzählt, dass ihn sein Wagen schon zum dritten Mal in Folge bei einer Tour im Stich gelassen hat. Glücklicherweise ist er auf dem Weg von Köln nach Bochum liegengeblieben, konnte also vom Veranstalter aufgegabelt werden. Dennoch habe er, fügt er beinahe entschuldigend hinzu, kaum Zeit für einen Soundcheck gehabt. So irritieren ihn die Tiefen, die offenbar in seinem Monitor brummen. Im Saal selbst ist der Sound nahezu perfekt – möglicherweise auch einem Publikum geschuldet, dass ungemein ruhig, dem Künstler zugewandt und aufmerksam ist. Und so merkt man, dass Dekker langsam zu sich findet. Mit „Popped the Top“, dem dritten Song des Sets, scheint die Anspannung von ihm abzufallen.
Grinsen im Halbschatten
Auf der letzten Tour wurde Dekker von seinem Schlagzeuger Stefan Wittich begleitet, diesmal beschränkt er sich allein auf seine Stimme und Gitarre (und einmal Ukulele) – mit nur ganz minimalem Effekt-Einsatz. Schon auf seinen Alben sehr zurückhaltend instrumentiert, wirken die Songs nun noch purer. Dekker singt in „Small Wins“, dass man die kleinen Erfolge feiern müsse und bei aller Bescheidenheit hat er das Bochumer Publikum da längst schon in der Tasche und kann den Abend als großen Erfolg verbuchen. Er beginnt zaghaft zu plaudern und mit dem Publikum zu scherzen, und trotz der Lichtverhältnisse lässt sich unter der Hutkrempe immer wieder ein breites Grinsen ausmachen. Zu „This Here Island“ verteilt Dekker Rasseln an eine Handvoll Freiwilliger, wobei die improvisierte Rhythmussection ein wenig zu stark in den Vordergrund gemischt wird.
Meditative Schaumkrönchen
Das Publikum singt meist leise mit, die Bewegungen im Saal sind minimal, die Zurückhaltung des Sängers überträgt sich anscheinend auf die Anwesenden. Musikalisch bewegt sich der ganze Abend in einer ruhigen, fast meditativen Wellenbewegung, nur selten setzt Decker diesen Wellen kleine Schaumkrönchen auf, wenn er aus dem markanten Falsett ausbricht und auch mal tiefere, rauere Töne anschlägt. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt: Es gibt an diesem unaufgeregten, schönen Abend keine wirkliche Dramaturgie, keine großen Emotionen, keine Gänsehautmomente. Vielleicht ist das aber auch genau das, was man in diesen Zeiten hin und wieder mal braucht. Das Publikum jedenfalls wirkt größtenteils beseelt, als das Licht wieder angeht.
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