Was für einen Sound hat das Verrinnen der Zeit, haben der Lauf der Dinge, das Werden und Vergehen? Vielleicht ist es das Geräusch des Windes in sprießenden Blättern oder kahlen Ästen der Bäume, in den Windspielen der Menschen.
In der aktuellen Produktion der belgischen Needcompany meint man diesen Sound beständig zu vernehmen. Ventilatoren bewegen Porzellan-Objekte, die oft wie Mobilees anmuten, und ein feines Singen und Klingen oder kaltes Flirren und Klirren erfüllt den Raum. Kostümdesignerin Lot Lemm hat für die Arbeit „Forever“, die jetzt auf PACT Zollverein zu sehen war, die Ästhetik von „The Porcelain Project“ wieder aufgenommen und einen fragilen Bühnenraum geschaffen, der dem Abend auch einen skulpturalen Charakter gibt. „Forever“ ist nicht nur Tanz-Performance, sondern auch Theater-Installation.
Der Titel bezieht sich auf die letzten Worte des finalen Satzes „Der Abschied“ von Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“: „Ewig… ewig…“, singt eine Alt- oder Bariton-Stimme zur opulenten Orchesterbegleitung. In Grace Ellen Barkeys Choreographie ist es ein Mann allein, der den „Abschied“ singt – ohne musikalische Begleitung. Needcompany-Performer Maarten Seghers intoniert ihn schwarz gekleidet am rechten Rand des Bühnenraums und bildet das Zentrum des Geschehens – alle Handlungen der drei Tänzer beziehen sich auf ihn.
Doch Seghers ist ein eigenartiges Zentrum. Sein Ausdruck schwankt zwischen starker und nervtötender Präsenz. Sein Gesang ist ambitioniert, erreicht aber nicht die Qualität klassischen Kunstgesangs – und will das vielleicht auch gar nicht sein. Wenn die anderen Tänzer ihn in die Choreographie einbinden, wirkt er wie ein unbeholfener Fremdkörper. Er ist das schwache Geschlecht, das im Angesicht des Todes die Ewigkeit allen Seins beschwört, das Blühen der Erde im Frühling, das sich am letzten Vorhang festklammert, laut schreiend und schmerztrunken klagt oder leise winselt.
Die Needcompany selbst bezeichnet die Arbeit, die ohne Mitwirken des Gründers Jan Lauwers zustande kam, als Grace Ellen Barkeys bisher persönlichste. Sie ist an Krebs erkrankt und hat sich selbst eine Zeit an der Schwelle zwischen Leben und Tod aufgehalten. Alles in „Forever“ symbolisiert diese Schwelle, wirkt wie eine Bebilderung von Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ in dem die Metaphern urplötzlich vom blühenden Leben, von Saft und Kraft des Werdens in die Erstarrung und klirrende Kälte des Vergehens kippen.
Die beiden Tänzerinnen und ein Tänzer symbolisieren den nicht-menschlichen Raum um Maarten Seghers. Ihre Beine zittern in eindeutig sexuellen Posen wie junge Äste im Frühling um sein Gesicht, sie spielen kichernd mit Hebefiguren aus dem klassischen Ballett. Aber sie umschwirren ihn auch wie Krähen oder schattenhafte Todesgeister, die ihn in ihren Bereich zu ziehen versuchen. Durch alle Zwischenräume, durch Lücken und über die Ränder des Gesagten und Gesungenen bricht eine Ahnung dieses Anderen, des Nicht-Lebendigen herein.
Am Ende grollen tiefe Bässe aus den Lautsprechern und lassen die Bühne erzittern, Porzellan fällt klirrend zu Boden, der schneidende Sound von Motorsägen lässt die Zuschauer in ihren Taschen nach den vorher ausgeteilten Ohrstöpseln kramen. Doch eigentlich hätten sie diesen lärmenden Schluss nicht gebraucht, um zu verstehen.
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