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Der Akkordeon-Mann und die singende Eisverkäuferin
Foto: Ulrich Schröder

Großes Kopfkino

06. Februar 2017

Berührende Filmmusik-Matinee in Dortmunder Kaffeehaus

„Es gibt keinen Hauptfilm – der Projektor ist abgebrannt.“ Doch zumindest die Tonspur ist unversehrt und kommt im Kaffeehaus an der Kaiserstraße ausgiebig zum Zuge: „This is the end; hold your breath and count to ten“ – sofort dürfte einigen der über 50 Gäste an diesem Morgen die eine oder andere Szene aus dem Bond-Klassiker „Skyfall“ vor Augen schweben. Der Projektor ist nun im Kopf des Rezipienten und wird mit einem filmmusikalischen Querschnitt der Kinogeschichte gespeist. Mit viel Herz und Stimme zaubert die Kölner Schauspielerin und Chansonsängerin Sabine Paas das cineastische Flair vergangener Jahrzehnte auf die virtuelle Leinwand im Café Schrader.

„Hüte dich, deine Feinde zu hassen – das trübt dein Urteilsvermögen“, tönt es plötzlich von der Seite. Es ist nicht „Der Pate“, sondern die Stimme von Ralf Gscheidle, der seine Bühnenpartnerin virtuos auf dem Akkordeon begleitet und trocken immer wieder Filmzitate einstreut, die neue Kopfkinobilder erzeugen. Auch Mehrsprachigkeit gehört zum Konzept der Darbietung: „Si tu n'étais pas-là – comment pourrais-je vivre?“ Die fabelhafte Welt der Amélie blitzt auf und jeder mag wohl für einen Wimpernschlag sein eigenes ‚Du‘ vor Augen haben, ohne das ein Leben nicht vorstellbar ist oder irgendwann einmal war. Zwischen Liebe und Hass pendelt die emotionale Achterbahnfahrt, die durch selbst generierte Kinobilder größere Höhen und Tiefen kennen dürfte als jeder Film, dessen Drehbuch nicht im eigenen Kopf entstanden ist.

„Der Weltraum – unendliche Weiten“: Die das Raumschiff Enterprise vor dem geistigen Auge begleitende Sphärenmusik kann als endloses System begriffen werden, das nicht nur dem (musikalischen) Universum Struktur gibt – evoziert sie doch auf der Folie der unbebilderten Tonspur immer neue assoziative Dimensionen. Diese lenken den inneren Blick nach der Pause jedoch wieder zurück auf das Hier und Jetzt, wo seit dem Vietnamkriegsmusical „Hair“ immer noch auf den Beginn der friedvollen Ära des Wassermanns gewartet wird. Da man des irdischen Friedens wohl ewig harren muss, scheint es geboten, sich zumindest die Maxime aus „Schindlers Liste“ zueigen zu machen: „Wer nur einem einzigen Menschen das Leben gerettet hat, wird belohnt werden, als hätte er die ganze Welt gerettet.“ 

Diese und andere Passagen berühren das Herz und entlocken Kinogängern immer wieder Tränen – wie etwa die Marsaillaise-Szene in Casablanca. „Die Tränen im Kino sind herpeszartbitter“, resümiert Sabine Paas. Und sie werden oft mehr oder weniger gut versteckt – denn: „Weinen in der Öffentlichkeit – das ist wie nackt sein.“ Daher vielleicht sehe man im Trailer stets „die heiteren Szenen“. Doch neben Unterhaltung und Horizonterweiterung gehört eben auch der ‚emotionale Kick‘ zu den Hauptmotiven des Kinogängers. Und die emotionale Zerrissenheit scheint als ‚condition humaine‘ verstanden werden zu müssen – getreu dem Chanson-Refrain von Marlene Dietrich: „Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm ich in Verlegenheit – […] eine schlimme oder gute Zeit.“ Selbst wenn der Film gut endet, heißt es – wie im wirklichen Leben – am Ende doch Abschied nehmen: „Schön sind die Hummer und die Austern anzusehn – aber nach dem Happy End, da muss man gehn.“ So lehnt man sich dann seufzend im Kopfkinosessel zurück und lässt zumindest den Trailer noch einmal Revue passieren. Und wenn man Glück hat, läuft zum Abspann „Always look on the bright side of life.“ Die Kopfkino-Gäste jedenfalls singen selig mit.

Ulrich Schröder

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