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„Das Prinzip Jago“
Foto: Birgit Hupfeld

‚Lügenpresse‘ ahoi

27. Oktober 2016

Volker Lösch inszeniert in Essen „Das Prinzip Jago“ – Theater Ruhr 11/16

So allmächtig war der Bösewicht lange nicht. Kaum ist der Soundtrack zu „House of Cards“ verklungen, breitet Nick Walter in der ersten Szene sein düsteres Credo des Terrors aus: „Zerstörung ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Der Anblick von Zerstörtem verschafft mir ein Schauspiel tiefster Harmonie!“ Die Zerstörung der Räume ist nur das Eine. Nick gebietet auch über die Zeit. Mit einem Wischen des Armes stellt er die Szenen still und legt genüsslich die Schwachstellen seiner Opfer bloß.

Die Verdichtung von Zeit und Raum gehört zu den Kennzeichen der digitalen Medien. Folgerichtig ist Nick Walter Fernsehjournalist. Ein Rädchen im Getriebe der Medienmaschinerie, der plötzlich zum Opfer einer Stellenbesetzung wird. Chefredakteur Ulrich Sonntag hat nicht ihn, sondern Kollegin Susanne Weibel zum Chef vom Dienst gemacht. Daraus erwächst die gewaltige Selbstermächtigung Nick Walters. Er nutzt eine Demonstration von Asylbewerbern und stachelt mit gefakten Twitter-Meldungen den rechten Mob an, führt den Oberbürgermeister vor, lässt ein Kind entführen und schiebt die Schuld den Migranten zu; vergeigt vorsätzlich ein Interview mit einer rechtsradikalen Parteiführerin und schiebt schließlich dem linksliberalen Chefredakteur kinderpornographisches Material unter. Ein manipulativer Rachefeldzug, der nicht von ungefähr an Shakespeares Jago erinnert und an dessen Ende die rechtspopulistische Ausrichtung des Senders steht.

Eigentlich wollte Regisseur Volker Lösch am Schauspiel Essen „Othello“ in einer Art Überschreibung für die Gegenwart anschlussfähig machen. Daraus wurde nichts. Lösch ließ sich von Fernsehserien wie „House of Cards“ anregen und in einem Writers‘ Room ein völlig neues Stück schreiben: „Das Jago Prinzip“. In einem klassischen Fernsehstudiosetting vor grünem Hintergrund, das an das Heute-Studio (Ausstattung: Carola Reuther) erinnert, wird die journalistische Alltagshektik als dramaturgisches Movens nutzbar gemacht; die Gier nach der neuesten Nachricht mit Live-Video, vorproduzierten Flüchtlings-Statements Essener Bürgern oder Twitter-News verschaltet. Lösch kloppt dabei den gesamten Journalismus als wirklichkeitsmanipulierende Maschine im Twitter-Zeitalter in die Tonne, dem selbst die klassischen ethischen Standards nicht mehr helfen. „Lügenpresse“ ahoi. Und das Einsickern rechtspopulistischen Gedankenguts ist, so der Abend, letztlich einem demagogischen Manipulator zuzuordnen, der noch die besten Absichten durchkreuzt. Sicher, die signalhaft rot-blau-gelb-violetten Kostüme deuten auf Stilisierung. Doch derart grobschlächtig und undifferenziert ist Lösch lange nicht zu Werke gegangen. Man kann nicht umhin, Stefan Diekmann als Nick Walter zu bewundern, der zwischen schleimig-naiv, größenwahnsinnig-triumphal und unterwürfig-manipulativ alle Register der malignen Personencharakteristik zieht – für einen guten Theaterabend ist das aber nicht genug.

„Das Prinzip Jago“ | R: Volker Lösch | So 20.11. 19 Uhr, Di 27.12. 19.30 Uhr | Schauspiel Essen | 0201 812 22 00

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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