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Liedermacherin Bettina Göschel und Krimi-Bestsellerautur Klaus-Peter Wolf
Foto: Ulrich Schröder

Ostfriese aus dem Ruhrgebiet

15. März 2017

Gelsenkirchener Kult-Autor Klaus-Peter Wolf gibt gefeiertes Gastspiel in Bottrop – Literatur 03/17

„Rupert ist geil“, schlägt Hermann Beckfeld, Chefredakteur der Dortmunder Ruhr Nachrichten und Moderator des Abends, während der Veranstaltung als Überschrift vor, wenn er einen Artikel darüber schreiben würde. Das geht aber nicht, da das zum Verständnis notwendige Vorwissen über Klaus-Peter Wolfs Ostfriesenkrimis noch nicht (ganz) ins kollektive kulturelle Gedächtnis eingesickert ist. Dort steht die ein wenig an den Kabarettisten Atze Schröder erinnernde „Kultfigur“ Rupert, der eigentlich nur eine Nebenrolle spielt, an der Seite der Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen und erscheint fast so alternativlos wie Dr. Watson an der Seite von Sherlock Holmes. Rupert jedenfalls ist jemand, der sich bei der Wahl zwischen Kaviar und Currywurst immer ganz klar für letzteres entscheiden würde und damit eine Brücke zu jenem Kulturkreis baut, dem der Autor entstammt und wo er eine riesige Fangemeinde hat, wie der ausverkaufte Abend im Bottroper Kulturzentrum einmal mehr zeigte.

Am Ruhrgebiet liebt Klaus-Peter Wolf vor allem jene Bodenständigkeit der Leute, die auch auf ihn selbst zutrifft. Auf Beckfelds Frage, warum er schon immer Schriftsteller werden wollte, antwortet Wolf lachend: „Ich kann ja nichts anderes...“ Auf jeden Fall habe er sich „reich geschrieben“, konstatiert Beckfeld, nachdem der ehemalige Verleger als Geschäftsführer eines Literaturverlags einst 2,7 Millionen – „Gott sei Dank nur D-Mark“, kommentiert Wolf lakonisch – Schulden angehäuft hatte. Seit 2007 bringt der auch als Kinder- und Jugendbuchautor bekannte Krimi-Schreiber jährlich einen Ostfriesenkrimi heraus, nachdem er 2003 ins ostfriesische Norden gezogen ist. Inzwischen ist seine Reihe ‚Kult‘ und startet regelmäßig gleich bei Erscheinen als Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste – allein in deutscher Sprache wurden bislang über vier Millionen Exemplare seiner Ostfriesenkrimis verkauft.    

Im Talk mit Beckfeld beschreibt er als „archaisches Grundthema“ des aktuell erschienenen 11. Bandes, „Ostfriesentod“, die Manipulierbarkeit von Menschen, Verbrechen zu begehen und dabei zugleich zu glauben, etwas Gutes zu tun – wie sich dies etwa in terroristischen Gewalttaten manifestiere. Diesen „intellektuellen Irrtum“ demonstriert Wolf jedoch am Einzelfall raffiniert auf psychologischer Ebene, statt sich etwa in den populistischen Sumpf einer Auseinandersetzung mit religiös motivierten Terrorakten zu begeben: „Es hatte alles ganz harmlos begonnen. Ein kleiner Spaß. Ein Studentenstreich. Mehr nicht. Aber jetzt brannte das Haus, und einer war tot...“ Der mutmaßliche (geistige) Brandstifter schaut dem Spektakel zu und ‚weidet‘ sich an der vermeintlichen Macht, die aus seiner verklärten Sicht in der verübten Tat liegt, zu der er das von ihm geschmähte Opfer offensichtlich angestiftet hat: „Entweder hat der Idiot keinen Rauchmelder, oder er hat vorher die Batterien rausgenommen, dachte er. Ja, vermutlich wollte er verhindern, dass jemand aufmerksam wird und rechtzeitig Rettung kommt. Die Hütte sollte bis auf die Grundfesten niederbrennen.“

Eine der großen Stärken von Klaus-Peter Wolfs kriminalistischem Duktus ist die Fähigkeit, sich voll in die Perspektive der jeweiligen Figur hineinzuversetzen, aus deren Sicht er schreibt. Daher hat er seinen bald erscheinenden nächsten Krimi erstmals vollständig aus der Täterperspektive zu gestalten versucht. Und zuweilen scheinen sich Wolfs umfangreiche Bücher fast von alleine zu schreiben, wobei sich der Schaffensprozess verselbständigt: „Ich lese das, was der Füller schreibt.“ Zwischenapplaus. Wolf jedenfalls empfindet das konventionelle Schreiben mit dem Füller als „Glücksgefühl“.

Als kriminalliterarisches Alleinstellungsmerkmal könnte gar der Bruch mit der Tradition betrachtet werden, dass es in der Krimi-Literatur wohl noch kein glückliches Ermittlerpaar gegeben habe. Vielleicht liegt das Geheimrezept des ‚Ostfriesen aus dem Ruhrgebiet‘ ja auch in der künstlerischen Unterstützung durch seine Lebensgefährtin Bettina Göschl. Zusammen mit der Liedermacherin ist Klaus-Peter Wolf immer wieder auf Lesereise, und auch in Bottrop intoniert sie in den Lesepausen die passende Begleitmusik zum Krimi; von der Brecht-Moritat bis zum selbstkomponierten Song – begleitet von Gunnar Peschke – über die gelegentlichen Schreibblockaden ihres Partners: „Wenn mein Mann einen neuen Krimi schreibt und im Kapitel plötzlich stecken bleibt, dann ist er eine ganz andere Person...“

Ulrich Schröder

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