
Wir sind dann wohl die Angehörigen
Deutschland 2022, Laufzeit: 118 Min., FSK 12
Regie: Hans-Christian Schmid
Darsteller: Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi
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Kriminalfilm aus ungewöhnlicher Perspektive
Johann, lieber Johann
„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid
Mit „Rheingold“, der im November in die deutschen Kinos kommt, hat Fatih Akin das verbrecherische Leben des Bonner Giwar Hajabi verfilmt, das schließlich in einen spektakulären Goldraub mündet. Hajabi hat nach Abbüßung seiner Haft unter dem Künstlernamen Xatar eine sehr erfolgreiche Karriere als Rapper und Unternehmer gestartet und ist heute zudem karitativ tätig. Hans-Christian Schmid hat mit „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ einen Film über die Entführung von Jan-Philipp Reemtsma durch Thomas Drach aus Köln realisiert. Beide Filme sind keine klassischen Krimis, und dennoch könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Das liegt zum einen an den zugrundeliegenden Geschichten: dort ein geläuterter Krimineller wie Xatar, hier ein unverbesserlicher wie Drach, der aktuell wieder im Gefängnis sitzt. Es liegt aber vor allem an den Regisseuren und ihrer Arbeitsweise. Während Fatih Akin, abgesichert durch die schwierige Biografie Xatars als Flüchtlingskind und die anschließende Läuterung zum „Guten“, eine flockige, mit Action, Gewalt und Humor verzierte Gaunerkarriere inszeniert, kommen die „Bösen“ bei Hans-Christian Schmid überhaupt nicht vor. Also auch keine Gewalt, keine Action und kein Humor. Schmid bleibt bei „den Angehörigen“.
Als der Zigaretten-Erbe Jan Philipp Reemtsma (Philipp Hauß) am 25. März 1996 in seiner Hamburger Villa entführt wird, bricht nicht nur für den Literatur- und Sozialwissenschaftler eine Welt zusammen, sondern auch für dessen Frau Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) und den gemeinsamen 13-jährigen Sohn Johann Scheerer (Claude Heinrich). Gerade hatten sich Vater und Sohn noch beim Lateinüben gezofft – der Streit war noch beim schweigsamen Abendessen spürbar. Als Johanns Vater kurz darauf in sein Studierzimmer ins Nachbarhaus geht, ist es das letzte Mal für die kommenden 33 Tage, dass der Sohn ihn sieht. Statt seiner findet die Mutter einen Erpresserbrief. Die Entführer fordern 20 Millionen Mark.
„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ basiert lose auf dem 2018 erschienenen autobiografischen Erinnerungen des heute 40-jährigen Johann Scheerer an diese schwierige Zeit, mit „Unheimlich nah“ folgte im vergangenen Jahr ein Roman über eine Jugend, in der er aus Sicherheitsgründen permanent überwacht wurde. Scheerers Vater hatte bereits ein Jahr nach der Entführung seinen autobiografischen Rückblick „Im Keller“ veröffentlicht. Schon Scheerers Buch ist das Gegenstück zu einem Krimi, aber auch das Gegenstück zur Perspektive des Opfers. Beziehungsweise: Es ist der Blick eines Opfers zweiter Ordnung. Und alleine diese Perspektive macht Hans-Christian Schmids Film sehr besonders.
Für den 13-jährigen ist dieser Monat, in dem der Vater fehlt, voller Widersprüche. Er hat ein schlechtes Gewissen wegen des Streits. Er hat Angst, seinen Vater zu verlieren. Er sieht seine Mutter leiden und leidet selber. Aber er hat auch Unterstützung in diesem angstvollen Ausnahmezustand – durch einen Freund der Familie (Hans Löw), den Anwalt der Familie (Justus von Dohnányi), Mitarbeiter der Polizei, Psychologen – die mit Mutter und Sohn wie in einer WG leben. Im Haus entfaltet sich eine Stimmung, die zwischen Alltagsritualen, dem Versuch, die eigene Angst unter Kontrolle zu halten und dem Leben nah am Nervenzusammenbruch hin und her schwankt. Schmidt und seine Darsteller:innen fangen diese wechselhafte Stimmung sensibel ein, ohne in klischeehafte Übertreibungen abzugleiten.
Es ist das Porträt einer Familie im Extremzustand. Es ist aber vor allem ein Film über einen jungen Menschen, der versucht, diesen Extremzustand und die beteiligten Erwachsenen zu verstehen, obwohl er mit 13 Jahren eigentlich ja schon genug damit beschäftigt ist, seine eigene, pubertierende Gefühlswelt zu verstehen. Dass Schmidt die Perspektive von jungen Menschen empathisch einnehmen kann, hat er mit Filmen wie „Nach Fünf im Urwald“, „23“, „Crazy“ oder „Requiem“ bewiesen und erinnert damit erfreulich an einen Regisseur wie Hark Bohm und einfühlsame Jugendfilme wie „Nordsee ist Mordsee“ oder „Moritz, lieber Moritz“ aus den späten 70er Jahren.

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