
Vaterland
Deutschland, Polen, Italien, Frankreich, Großbritannien 2026, Laufzeit: 82 Min., FSK 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Darsteller: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl
>> www.vaterland-der-film.de
Betörendes Heimat-Drama
Deutschlandreise
„Vaterland“ von Paweł Pawlikowski
Im Jahr 2000 erzählt der polnische Regisseur PawełPawlikowski davon, wo die Liebe hinführt („Last Resort“), 2004 davon, wie sie aufflammt („My Summer Of Love“) und 2011 davon, wie jemand der Liebe hinterherläuft („Die geheimnisvolle Fremde“). Dann, mit seinem neuen Kameramann Łukasz Żal, findet der Regisseur, gekleidet in neuer Bildsprache, andere narrative Tiefen: „Ida“ (2013) und „Cold War“ (2018) sind elegant ausgebremste Schwarzweiß-Dramen im Bildverhältnis 4:3, die poetisch erhaben von einer Suche, von Heimat, von Verzweiflung erzählen. „Vaterland“ reiht sich hier nahtlos ein: Pawlikowski erzählt eine betörend traurige Heimatgeschichte. Erstmals bedient sich der Regisseur dabei historischer Figuren.
Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt vier Jahre nach Kriegsende aus dem Exil nach Deutschland zurück, um in Frankfurt am Main den Goethepreis entgegenzunehmen. Begleitet wird er eher pflichtbewusst von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), die sich dabei vor allem nach ihrem geliebten Bruder Klaus (August Diehl) sehnt, der in Frankreich in Verbitterung, Desillusion und Depressionen darbt. Ihr Vater, der sich bereits aus dem Exil unermüdlich mit Widerstandsappellen an das deutsche Volk gewendet hatte, zeigt sich auch jetzt bei seiner Rückkehr standhaft engagiert. Das alles aber interessiert die Menschen, die ihn im Nachkriegsdeutschland empfangen, nicht. Die Reise wird Thomas Mann auch nach Ostdeutschland führen, und das politisch gespaltene Land will gleichermaßen vor allem eines: den Literaturnobelpreisträger als politischen Verbündeten für sich vereinnahmen. Während westliche Nazi-Kollaborateure an der Seite des Exil-Künstlers – Schwamm drüber! – die rasche Kehrtwende suchen, beteuert der Propaganda-Chef in Weimar die Nähe von Goethe zu Marx. Thomas Mann indes sucht beharrlich das gute Deutschland – und findet es nicht.
Pawlikowski gestaltet die Anbiederung kapitalistischer und kommunistischer Strömungen auch durchaus amüsant: Die durchschaubaren Figuren, die nach Einfluss und Vergessen gieren – sie allesamt sind trefflich surreal bis erbärmlich in die Farce gezeichnet und gerieren sich dabei so plump und durchschaubar wie der politische Mainstream im Hier und Jetzt. Doch auch das Komische stimmt traurig: „Vaterland“ ist nur beiläufig Satire und tatsächlich von Schwermut und poetischer Kraft getragen. Rasch erinnern wir uns an Maria Schraders „Vor der Morgenröte“, in dem Stefan Zweig (Josef Hader) im Exil an seiner Heimat zerbricht. Derlei Zermürbung indes wird in „Vaterland“ zusätzlich überschattet durch das Missverhältnis des Vaters zu seiner Tochter. Während Klaus in der Ferne vergeistigt, bis er schließlich nur noch Geist ist, zeichnet Pawlikowski einen fürs Heimatland bis in die bittere Verzweiflung brennenden Schriftsteller, der zugleich seiner Tochter, ja seiner gesamten Familie grausam unterkühlt begegnet.
Gemeinsam mit seinem Kameramann, seinem Beleuchter, seinen Szenenbildnern arrangiert Pawlikowski dabei meisterlich reduzierte Räume, die Hanns Zischler und Sandra Hüller schlichtweg umwerfend mit Präsenz füllen. Die Arbeit mit Stille und Gesten ist dabei bewährt eine der großen Stärken Pawlikowskis. Wie Łukasz Żal Winkel findet, wie der Regisseur Figuren arrangiert. Wie die Kamera aus der kunstvollen Starre ausbricht, um traumwandlerisch schwebend moosbefallene Skulpturen im Park abzutasten. In Pawlikowskis Kino liegt so viel Kraft. In erhabener Inszenierung, mit einer Intensität und Wucht, die seine kleine Dramen (Pawlikowski bleibt in allen seinen bisherigen Spielfilmen unter 90 Minuten) episch erfahren lässt.
Dass Paweł Pawlikowski rund um die verbürgte Reise von Thomas und Erika Mann großzügig fiktionalisiert, tut der Wahrhaftigkeit seines Dramas keinen Abbruch. Im Gegenteil. Pawlikowski dichtet und verdichtet und schafft damit mehr Wahrhaftigkeit als andernorts verbissenes Bemühen um streng historisches Eins zu Eins. Eine Wahrhaftigkeit, die uns emotional erreicht. Das darf Kino. Das ist Kino. Und hier: großes Kino.
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(Hartmut Ernst)

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