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Don Eddy, Strumpfhosen, Handtaschen und Schuhe, 1974, Ludwig Forum für internationale Kunst © Don Eddy
Foto Anne Gold, Aachen

Die Sucht nach dem Gegenstand

23. Februar 2017

„Let’s buy it!“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen – Kunstwandel 03/17

Jesus Christus stürmte in den Tempel, stieß Tische um und verjagte die Händler mit den Worten: „Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!“ (Joh. 2,16) „Buy now! Shop the pain away!“ (Katharina Arndt, 2013) heißt es momentan in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Dabei geht es nicht nur um die Manie des Besitzens, sondern auch um den tatsächlichen Vorgang zwischen Herstellung, Angebot und Kauf eines Kunstwerkes und das, was der Käufer dafür hält. Denn das Fälschen von Meisterwerken ist keine Errungenschaft der Neuzeit, gefälscht wurde wahrscheinlich schon bei den Höhlenmalereien. Und: „Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel“ ist ein nicht nummerierter Holschnitt von Albrecht Dürer, einem der ersten, der schon Anfang des 16. Jahrhunderts Kunstblätter als florierenden Markt entdeckte.

Die Moderne schaffte es, dass auch alltägliche Dinge, Druckgrafik, Auflagenobjekte ohne Ende und Gewissensbisse dupliziert wurden, einige davon sind in der Ausstellung „Let’s buy it!“ zu sehen, unter der Überschrift „Original, Kopie, Reproduktion und Fälschung“, aber eben auch in den anderen Abteilungen, die in der Hauptsache Auflagen-Arbeiten präsentieren. Es fällt auf, dass wohl ganze Andy-Warhol- und Mel-Ramos-Sammlungen verarbeitet wurden, die beiden sind jedenfalls allgegenwärtig. Ramos mit einer sehr schönen, relativ neuen kleinteiligen Serie aus drei Offsetlithografien (Campbell‘s Soup Blondes, 2016, geschätzte Auflage 450, Preis: um die 1.500 Euro). Wie toll der Kunstmarkt selbst politische Ironie vermarket, zeigt gleich im ersten Raum des Museums die Fluxus-Ikone Wolf Vostell mit seinem B 52 Bomber (Mixed Media, 1968), aus dem Lippenstifte als Sprengmittel fallen. Gleich daneben Don Eddys „Strumpfhosen, Handtaschen und Schuhe“ (Acryl auf Leinwand, 1974). Ein Original also und eines der Meisterwerke des Hyperrealismus.

Große Namen sind für so eine Schau natürlich das Salz in der Suppe. Ein Richter-Wisch-Öl „Mutter und Tochter“ (1965) aus dem eigenen Bestand, ein schnöder Keith-Haring-Kunstdruck, eine signierte Jim-Dine-Dollarnote, Picasso-Lithografien (nur Zustandsdrucke) und Künstler der Region runden das künstlerische Portfolio für die Ausstellung ab, deren besonderer Reiz sicher im Transport der Idee von Kunst als reiner Ware lebt. Dazu passt natürlich perfekt die Installation von Christin Lahr mit „Macht Geschenke: Das Kapital“ (2009-ff). Sie überweist seit acht Jahren täglich einen Cent an das Bundesministerium der Finanzen und will so dem wachsenden Schuldenberg nicht nur homöopathisch entgegenwirken, sondern auch „Das Kapital“ von Karl Marx auf das zentrale Konto des Staates übertragen. Täglich wandern so 108 Zeichen ins System. Eine sehr schöne subversive Arbeit, wie ich finde.

Die Ausstellung ist ausgesprochen lehrreich: Ansonsten bleibt nur zu empfehlen, die Kunstmarkt-Resterampen zu meiden, das Original – sofern es noch nicht gefälscht ist – zu preisen und einfach mal mit Sponti-Rentner Timm Ulrichs locker bleiben: „Ich kann keine Kunst mehr sehen.“ Den Spruch hing der sich 1968 als Schild um den Hals, mit Blindenstock und dunkler Sonnenbrille bewaffnet. Das waren noch Zeiten. Da konnte man noch Beuys-Objekte für einen Zehner erstehen, D-Mark versteht sich. Das kosten heute schon die Kunstpostkarten.

„Let’s buy it! – Kunst und Einkauf“ | bis 14.5. | Ludwiggalerie Schloss Oberhausen | 0208 412 49 28

PETER ORTMANN

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