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Ausstellungsansicht, Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum, Richard Serra, Weight I, 2009 Erich Reusch, Dreiteilige Plastik, 1969 Erich Reusch, Ohne Titel, 1971 © VG Bild-Kunst Bonn, 2018
Foto: Eric Jobs

Der Stollen unterm Schlosspark

26. Juli 2018

„SCHWARZ [ˈʃvaʁʦ]“ in Bochum – Kunstwandel 08/18

Während es im Kohlebergwerk im Stollen vor der Schüppe immer dunkel war, ist es im Bochumer Museum unter Tage (MuT) immer ziemlich hell. Obwohl auch dort Kohle zu sehen ist. Als Objektträger, als Malmittel oder als flüchtige Materie. SCHWARZ [ˈʃvaʁʦ] ist eine Ausstellung der Kunstsammlungen der RUB, zusammengestellt für das städteübergreifende Ausstellungsprojekt „Kunst & Kohle“, an dem zurzeit 17 RuhrKunstMuseen bis in den Herbst hinein teilnehmen. Der Anlass ist so emotional wie historisch: Die Steinkohleförderung in Deutschland läuft aus, im Ruhrgebiet schließt die letzte Zeche. Also hinab in die Welt der maximalen Farblosigkeit, hinab zur schwarzen Kunst eines Richard Serra, zu einem adaptierten „schwarzen Quadrat“ von Malewitsch (Mischa Kuballs Utopie/Black Square 2001ff.) oder zu Gerhard Richters schwarzweißer 128-teiliger Fotoserie über ein Gemälde von 1989.

Über Jahrzehnte wurde und wird in der Kunst Kohle gerieben, wenn es sein muss bis zur Grisaille, in der Ausstellung stehen sogar Plastik-Kästen, die seit fast einem halben Jahrhundert stellvertretend den Ruß der Ruhr-Geschichte staubdicht umschließen und ihn an den Wänden konservieren. Aber Erich Reuschs elektrostatische Objekte, die schon in den 1960er berühmt waren, brechen immer noch geschickt die Sichtachsen in einen ganzen Raum.

Dazu zeigt das Museum im schicken Schlosspark Haus Weitmar Werke von Künstlern der Postminimal Art und der konkreten Kunst, die sich in den 1960er- und 1970er-Jahren der Wirklichkeit von Materialien und Erfahrungen im Hier und Jetzt gestellt haben bis hin zu taufrischen Videoloops von Susanne Weirich. Die zeigt bei Charcoal Facial Mask (2018), was aus der Kohle längst geworden ist, ein kosmetischer Lifestyle. 18 Menschen zeigen in sozialen Netzwerken wie man diese Gesichtsmasken herstellt und anwendet, um schmerzhaft auch die absolut letzte Unreinheit aus dem Gesichtsfeld zu entfernen. Mit Schminke arbeitet auch Bruce Nauman in seinem Video „Flesh to White to Black to Flesh“ von 1969, allerdings geht es hier eher um Illusion und Wirklichkeit.

Das Zentrum der Schwarz-Ausstellung bildet allerdings die installative Fotoserie von Elisabeth Neudörfl über den sogenannten „Ruhraufstand der Märzrevolution“ von 1920 und ein kleines Video (9 Min., 1988/2017) über die „Brücke der Solidarität“ in Rheinhausen, wo wohl das letzte Aufbegehren der Stahlarbeiter im Ruhrgebiet stattgefunden hat. Zum leisen Klang von „Schon seit langem wird das Arbeitsvolk geknechtet, auf nach Wesel, auf nach Hünxe gegen das Weißgardistenheer“ kann man Fotos der einschlägigen Kampfplätze von damals sehen, die erst auf den zweiten Blick mit Brille ihre Zeitgenössischkeit verraten. So wirft diese, für einen Bewohner des immer noch vorhandenen Dickichts der Städte fast melancholische Arbeit auch eine Klammer um die industrielle Zeitachse, die das Ruhrgebiet einst berühmt machte und seinen Strukturwandel fast unmöglich. Schwarz sei inhaltlich einer der tiefsten Impulse von Abstraktion, sagte mal Adorno, es ist aber auch eine Farbe der Trauer – vielleicht um ein für immer verlorenes Zeitalter.

SCHWARZ [ˈʃvaʁʦ] | bis 16.9. | Museum unter Tage (MuT), Bochum | www.situation-kunst.de/situation-kunst

PETER ORTMANN

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