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Klaus Staeck, Lügenbaron, 2017, Offsetdruck, 84,1 x 59 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

„Tanz auf der Rasierklinge“

25. Januar 2018

René Grohnert vom Deutschen Plakat Museum über Klaus Staeck – Sammlung 02/18

Grafikdesigner und Karikaturist Klaus Staeck (*1938) ist der wohl bekannteste Plakatmacher Deutschlands. Museumsleiter René Grohnert spricht mit uns über Staecks Werk.

trailer: Herr Grohnert, wird das Deutsche Plakatmuseum zum Institut für politische Bildung?
René Grohnert: Sicher werden wir kein Politinstitut. Aber natürlich sind solche Themen nicht verkehrt – auch nicht, wenn sie sich mal häufen. Klaus Staeck ist nun mal der bekannteste Plakatgestalter mit der größten Wirkung in die Gesellschaft, den wir haben, und der darf auch mal eine Ausstellung in einem Plakatmuseum haben.

Staeck kam von der Druckgrafik zum gezielten politischen Statement. War die Gesellschaft nach der Pop Art reif für seine Plakate?
Ich denke, schon. Gerade wenn man die 1970er Jahre betrachtet. Bereits Mitte der 1960er Jahre hat das Plakat ja eine völlig neue Funktion bekommen. Ausgehend von den psychedelischen Plakaten von 1965 – da hatten wir mit „Summer of Love“ gerade eine schöne Ausstellung – gab es bereits 2008  die „Pariser Mai 68“-Ausstellung über das Atelier Populaire und der Frage nach der Sichtbarkeit und Wirksamkeit politischer Plakate. Insofern war die Idee, sich aufs Plakat zu begeben, um mehr Öffentlichkeit zu bekommen, in der damaligen Zeit genau die richtige. Stilistisch ist das eher nicht einzuordnen, sondern das Medium Plakat hat in dieser Zeit einfach eine andere Bedeutung gehabt. Die Leute haben das nicht nur außen angeklebt, sie haben es auch mit nach Hause genommen, sich die politischen Statements an die Wand geklebt, entweder um die Eltern zu ärgern oder den Kumpels zu zeigen, wo sie stehen. Also das Plakat als Medium war sehr aktiv in der Gesellschaft und Staeck hat dieses Medium dann logischerweise benutzt. Heute sagt er, müsste man ins Internet gehen, aber nicht einfach hinein, sondern dann müsste man das Ganze lahmlegen und könnte dann mit diesen Bildern auftreten.

Hat der kurze Text auf den Plakaten den Bildinhalten meist gekontert?
Psychologisch war das schwierig. Staeck-Plakate sind keine einfache Kost. Es gab mehrere Ebenen, man hat was gelesen, und wenn man nicht sofort weitergedacht hat, dann war es auch wieder weg. Erst in dem Moment, wo man sich ein bisschen tiefer hineinbegeben hat, gab es immer verschiedene Ebenen. Sein erstes erfolgreiches Plakat war Dürers Mutter mit „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“. Damals war Dürerjahr und das Bild wurde rauf und runter medialisiert. Mit seinem frechen Spruch setzte er die Dinge einfach in einen anderen Kontext.

René Grohnert
Foto: Jens Nober
Zur Person
René Grohnert, geboren in Berlin, hat Museologie in Leipzig und Kunstgeschichte in Halle/Saale studiert. Er arbeitete als Kurator der Plakatsammlung am Museum für Deutsche Geschichte/Deutsches Historisches Museum in Berlin und ist Mitherausgeber des PlakatJournal. Seit 2005 ist er Leiter des Deutschen Plakat Museums im Museum Folkwang.


Wieso haben ganz viele seiner politischen Plakate kaum eine Halbwertzeit?
Staecks Motto lautet: „Nichts ist erledigt.“ Das ist ja auch das, was ihn ein bisschen verzweifelt macht, dass er sagt, ich habe in den 1960er, 1970er Jahren Themen geklebt, die kann ich heute noch kleben, die haben sich nicht erledigt. Da kann man hingucken, wo man will: die Gerechtigkeit, die Gleichberechtigung, die Rüstung, die Armut, der Hunger. Was immer man aufgreift, fast alles, ich will nicht sagen, alles, ist nur in einem Schwebezustand. Nirgendwo kann man sagen, das Problem habe wir gelöst. Aber vielleicht muss man andersherum fragen. Wo würde diese Gesellschaft heute sein, wenn so Leute wie Staeck und andere diese Demokratie nicht in wesentlichen Phasen ihrer Gefährdung – die wir ja vielleicht auch wieder haben – mit einer neuen Diskussionskultur aufgerüttelt hätten? Vielleicht brauchen wir wieder einen Neuen wie Staeck?

Und er hat auch irgendwo den Kunstbetrieb karikiert, oder?
Na ja, er ist aus der Kunst gekommen, er war mit Penck und Beuys eng befreundet und mit vielen anderen auch. Diesen Kunstbetrieb fand er letztlich schon in Ordnung und er war ja zu Anfang auch ein Teil davon. Er hat sich dann gegen ihn gewendet, weil er ihn zu abgehoben fand, mit den ganzen Preisen und Exklusivitäten. Er wollte schon, dass dies für alle gilt, Kunst für alle. Das ist so ein Spruch von ihm und er hat ja da auch vor der Düsseldorfer Kunstmesse protestiert. Er sieht sich nie als Plakat-Künstler.

Können Sie noch was zu seinen Multiples sagen?
Ja, das ist interessant, weil wir ja gerade beim Kunstmarkt waren. Ich denke, dass ist zunächst eher eine Spielerei gewesen, vielleicht die Überlegung – im Kunstmarkt käme er mit politischen Themen ja sonst gar nicht vor. Also macht er jetzt auch was, was man in eine Galerie stellen kann. Da mache ich zehn Stück von und dann habe ich eine Provokation auch in diesem und sogar im privaten Bereich. Er geht mit den Dingen ja auch politisch um. Das ist nicht so, dass er die außerhalb seiner eigentlichen Intention macht, das gehört genauso in seinen politischen Kontext hinein.

Was hat denn Klaus Staeck über die Jahrzehnte im Rampenlicht gehalten? Die konservierte Unzufriedenheit in Deutschland oder auch die Qualität?
Sein Werk hat Qualität, aber er hat auch eine gewisse Routine in der Art bekommen, wie man die Dinge anspitzt. Er sagt ja von sich selbst, er sei kein Provokateur. Aber natürlich ist das, was er macht, Provokation. Und er weiß sehr genau, dass das als Provokation auch ankommt, denn die rund 40 Prozesse, die er führen musste, sprechen schon dafür, dass er genau weiß, wie der Tanz auf der Rasierklinge funktioniert. In den letzten Jahrzehnten hat die große Aufregung natürlich abgenommen. Ende der 1980er Jahre, die deutsche Wiedervereinigung, war vielleicht eine Zäsur für die Wahrnehmung dieser Art von politischen Äußerungen und Provokationen. Deutschland hatte damals vielleicht andere Probleme. Natürlich hat er sich auch mit diesen Vereinigungsthemen beschäftigt, aber es gibt beispielsweise von ihm kein Treuhand-Plakat. Und die war ja ein großes Thema damals. Zusätzlich hat sich das mediale Umfeld extrem geändert. Seit 1993 ist das Internet kommerzialisiert und zugänglich und da kommen heute die Bilder her. Das führte zu einem Chor der Unmenge.

Die Zeit fürs Plakat ist also vorbei?
Die Zeit des Plakats ist auch vorbei, weil es so nicht kommunizieren kann. Die letzte Wirkung, die man einem Plakat zuschreiben kann, war dieses blau-rote Plakat „Hope“ im Barack-Obama-Wahlkampf. Da wurde noch eine gewisse Identität über so ein Bild transportiert. Aber Staeck macht nach wie vor diese Plakate, die wir auch zeigen – aber diesen Aufruhr gibt es natürlich nicht mehr.

Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe | 9.2.-8.4. | Deutsches Plakat Museum am Folkwang Museum Essen | www.museum-folkwang.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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