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Foto: © Kunstmuseum Bochum / Lukas Fischer

„Eine Schatzkammer für Kunst“

16. April 2020

Direktor Hans Günter Golinski über die Sammlung des Kunstmuseums Bochum – Sammlung 04/20

trailer: Herr Golinski, 60 Jahre städtischer Kunsttempel – können ältere Bochumer sich freuen, ein paar Kunstwerke aus ihrer Jugend wiederzusehen?

Hans Günter Golinski: Das Kunstmuseum Bochum wollte nie ein Kunsttempel sein! Von Anfang an haben die Gründungsväter formuliert, dass man eine Kraftzentrale in Sachen Kunst sein wolle, ein Begegnungsort und – und hier ist die Idee von Karl Ernst Osthaus ganz wichtig – eine Volkshalle für die Kunst. Dem Erbe fühlen wir uns bis heute verpflichtet und das haben auch meine Vorgänger so gesehen. Insofern sind wir ein offenes Haus, haben keine Marmorstufen, selbst hier im Neubau haben wir die Rampe der Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert, die bewusst auf eine Treppe verzichtet haben, um nicht diese Wirkung des Aufsteigens zu erzeugen.

Hans Günter Golinski
Foto: © Stadt Bochum / Lutz Leitmann
Zur Person
Hans Günter Golinski hat Pädagogik in Wuppertal, Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik in Bochum studiert. In den 1980ern war er Kunst am Bau-Beauftragter des Landes NRW, dann Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rheinischen Landesmuseum in Bonn und wissenschaftlicher Kustos am Museum Bochum. Seit 1997 ist er dort Direktor.

Was wird sich durch die neuen Räume ändern?

Man wird hier immer noch durch zwei Etagen laufen und wie gewohnt die Wechselausstellungen sehen. Im zweiten Obergeschoss des Neubaus beginnt dann die eigene Sammlung. Da wird der ältere Bochumer mit Sicherheit Kunstwerke wiederentdecken, aber auch auf Fotos sehen, wie das Museum am 3. April 1960 eröffnet wurde. Es wird aber auch die Zeit vor 1960 berücksichtigt, denn es gab schon in den 1920er, 1930er Jahren eine rege Ausstellungstätigkeit. Das fand damals noch an mehreren Orten statt, aber das sind wirklich einige hochkarätige zeitgenössische Ausstellungen gewesen. Leider dann während des deutschen Reiches immer stärker ins Nationalistische abgerutscht. Wir sammeln und stellen Kunst nach 1900 aus, aber der Schwerpunkt ist zeitgenössische Kunst. Damit ist auch immer der Anspruch verbunden, zeitgemäß und offen zu sein, eben kein Tempel.

Die Dauerausstellung „sichtbar – 60 Jahre Eigene Sammlung“ eröffnet in einem Trakt der restaurierten Villa Rosenstein-Markhoff. Warum hat das mit der Villa so lange gedauert?

Die Architekten Bo und Wohlert meinten damals ständig, die eigene Sammlung als Dauerinstallationen zu zeigen, sei überkommen. Sie wollten das alles ganz anders machen. Der Aufbruchswille war ja gut und richtig und wichtig. Dass man aber keinen festen Ort für die eigene Sammlung hat, hat sich als sehr negativ erwiesen. Man hatte nie ein Déjà-vu, wusste nie, wo was gerade hängt. Wir haben dann hinter den Kulissen ein neues Konzept entwickelt, so dass der vorhandene Raum anders genutzt werden kann, und die Verwaltung umgesiedelt. So konnte nun die Villa Rosenstein-Markhoff mit dieser repräsentativen Bel Etage umfunktioniert werden zur Schatzkammer der Stadt Bochum für Kunst. Leider entsprach der Baukörper nicht mehr den zeitgemäßen Ansprüchen und musste von oben bis unten restauriert werden. Das kostet Geld, aber die Stadt Bochum hat hier ein Zeichen gesetzt und das gibt mir ein unheimlich gutes Gefühl, dass es mit dem Kunstmuseum Bochum weitergeht.


Die Villa Marckhoff-Rosenstein heute mit den Skulpturen „Fünf Bildhauer“ (2004/2006) von Johannes Brus davor, Foto: Lutz Leitmann

Ist denn die Präsentation der eigenen Sammlung fürs Marketing heute unabdingbar?

Natürlich haben wir eine Außenwirkung. Wir sind ja auch im Verbund der Ruhrkunstmuseen, wir machen da ein sehr gezieltes Marketing. Am häufigsten wirbt man mit wechselnden Ausstellungen, weil da Bewegung ist, aber die Leute lesen auch die Homepages und sehen, dass das Kunstmuseum Bochum herausragende Werke in der Sammlung hat, von einem Gemälde von Francis Bacon, das bei jeder wichtigen Bacon-Ausstellung angefragt wird, wir haben einen doppelseitig bemalten Ernst Ludwig Kirchner, wir haben Willi Baumeister mit einem wirklich exemplarischen Beispiel, aber auch einen Frank Stella. Es kommen Menschen gezielt, um das zu sehen, und da war in der Vergangenheit die Frustration groß, und war auch ein Anti-Werbe-Effekt.

Ein Hotspot bleibt in der Sammlung sicher die osteuropäische Avantgarde des 20. Jahrhunderts?

Das ist ein ganz entscheidendes individuelles Merkmal der Stadt Bochum. Der Gründungsdirektor Peter Leo hat von Anfang an europäische Kunst gesammelt. Wir haben englische, italienische, niederländische Ausstellungen gehabt, woraus erworben wurde. Aber er hat Europa zu Zeiten des Kalten Krieges nicht am Eisernen Vorhang enden lassen. Und sein Nachfolger Peter Spielmann, der gebürtiger Tschechoslowake war, hat das aufgegriffen, der hatte die Kontakte und hat das weiter aufgebaut. So dass Bochum wirklich lange Zeit eine Plattform war wo man im Westen Kunst aus dem Ostblock sehen konnte.

Wie viel aus dem Depot wird denn dann in der renovierten Villa und dem Anbau gezeigt?

Wir sind im Moment noch dabei unsere Konzeption zu realisieren, fangen jetzt an, dort Bilder hinzubringen. Wir werden wahrscheinlich so um die 120 Exponate zeigen können. Wenn man bedenkt, dass wir bis zu 5.000 Inventarnummern haben, ist das nur die Spitze des Eisbergs.

Kann das Museum heute überhaupt noch ankaufen?

Es gab mal eine Übereinkunft zwischen dem damaligen Kulturdezernenten und uns, dass wir uns mit dem Ankauf zurücknehmen und dafür die Villa herrichten. Wir haben nichtsdestotrotz angekauft, wir hatten und haben ein bescheidenes Budget.

sichtbar – die Eigene Sammlung | voraussichtlich geschlossen bis 19.4. | Kunstmuseum Bochum | 0234 910 42 30

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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