Germanistik-Studierende auf Poetry Slams sind in etwa das, was Ultras in Fußballstadien sind: Beide sind der treue Mob, die zärtliche Zielgruppe, auf die Spieler wie Dichter ihr Treiben ausgerichtet haben. Beide sorgen für die stimmungsvolle Randale auf der Tribüne. Dass sich unter dem Publikum mindestens 20 Prozent befinden, die Germanistik – „oder eine andere Sprachwissenschaft studieren“, darauf wettete auch Moderator Rainer Holl an diesem Abend. Die neueste Ausgabe von [poetry in the box] zeigte aber noch weitere Parallelen zu König Fußball, der aktuell in Frankreich thront: Bewährte Bierseligkeit, fröhliche Freiluftinstitutionalisierung, einen Kasten (daher das „box“ nach „poetry“); zudem besorgte Rainer Holl nicht nur „die schlechteste Moderation aller Zeiten, sondern gab auch den animierenden Capo: „Ost- und Westflügel, die Mitte und der Bierwagen – wir werden jetzt alle eins.“

Alles auf Amour
So war auch die Aufgabenaufteilung an diesem Abend schnell klar: Das Publikum auf der Leonie-Reygers-Terrasse vor dem Dortmunder U sorgte mit „enthusiastischen Huis“ (Holl) für Randale, die Künstler versprühten mit ihren Versen dagegen radikale Romantik – denn nicht wenige Texte drehten sich um das Thema Liebe.
„Eine Aufforderung zum Rummachen“ war Sandra Da Vinas (NRW-Slam-Landesmeisterin 2012) erster Beitrag – ein fast neohippieskes Manifest des Küssens, denn das hält die Welt zusammen: „Wer küsst, kann nicht Helene Fischer mitsingen. Wer küsst, kann nicht andere Menschen im Internet beleidigen oder die AfD wählen.“ Mit einem eher existentiellen Grundton ist ihr Finalbeitrag gesättigt, ein Text über das Erwachsenwerden: „Petra Pan“. Es geht um die altbekannten Alarmsignale der Adoleszenz, das Älterwerden, Spaß-Suche; um, wie die Slammerin ironisch einschiebt, Endzwanziger, die belanglose Texte übers Fantatrinken in Bars und das Erwachsenwerden schreiben. Ein lauwarmes Hochsommergedicht mit leichtverdaulichen Vanitas-Gedanken und eine charmante Performance – inklusive Eingeständnis einer subversiv-herzextremistischen wie wohltuenden Aktion, die zum Nachahmen einlädt: „Manchmal rufe ich beim Finanzamt an und weine einfach sehr lange ins Telefon.“

„Duschen ist Krieg“
Herzzerreißendes Kontrastprogramm lieferte Leonie Warnke ab, eine radikale Absage an Romantik: „Ich selbst hasse verliebte Menschen“, bezog die Leipzigerin (die sich als gebürtige Gelsenkirchenerin outete) Frontstellung gegenüber Pärchen-Entstehung und -Riten. Oder Diskotheken-Balz, die zum schreien ist: Warum nicht gleich ein Flirt in Sägewerken oder nahe Flugzeugturbinen, fragte die Slammerin. Bis zur logistisch ungünstigen Zweisamkeit beim Baden: „Beim Duschen ist kein Platz für Zärtlichkeiten. Duschen ist Krieg.“
Für ein abgerundetes EM-Parallelprogramm sorgten aber auch Oscar Malinowksi mit einem eindringlichen Text über Erinnerung wie Verdrängung der Shoa in Polen, Tom Schildhauer mit seiner Satire über die „Deppifizierung des Landes“ oder Özge Cakirbeys außer Konkurrenz vorgetragene, verspielte Medienschelte über den Helden-Status des Fernsehers.
Im Finale war schließlich Johannes Floehrs satirische Gaga-Kandidatur, die sehr an Loriots bekannte „Bundestagsrede“ erinnerte, erfolgreich. Via Stimmungsbarometer wurde der „gelebte Dadaismus aus Krefeld“ (Holl) zum Sieger des Abends gewählt. Enthusiastisches Hui von mindestens 20 Prozent Germanistik-Studierenden auf diesem sommerlichen Slam. Auf die Fankurve ist eben immer Verlass.
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