Das Djäzz konnte man an jenem Abend aus zweierlei Gründen als eine Art Wohnzimmer bezeichnen: Mit Teppichen, kleinen Sitzsofas, alten Omi-Möbeln und spärlicher Beleuchtung machte der kleine Kellerclub optisch auf gemütlich. Tom Tonk ist als geborener und gebliebener Duisburger nicht das erste Mal zu Gast, so dass sich der Mittvierziger durchaus Zuhause gefühlt haben dürfte. Während Tonk sonst auch gerne mal als Sänger der sich als Ruhrpott-Asi-Persiflage verstehenden Deutschpunk-Band Eisenpimmel fungiert, griff er an diesem Abend zum Buch und nicht zum Mikrofon. Tonks neustes Werk hört auf den Namen „Raketen in Feinripp. 33 1/3 Platten für die Ewigkeit“ und steht zumindest im Hinblick auf den Titel seinem Vorgänger „Raketen in Dosen: 33 1/3 Platten für die Ewigkeit“ in nichts nach.
Das mit etwa 30 Menschen angemessen gefüllte Djäzz war zu Beginn der Lesung ausreichend mit Kaltgetränken versorgt. Es konnte also losgehen. Ohne jegliche Begrüßungsfloskel und mit fast schon störrischer Langsamkeit bewegte sich Tom Tonk samt Pils-Bier gegen 21:00 Uhr auf die Bühne. Wenn es sich hier nicht um eine Lesung in familiärer Atmosphäre gehandelt, der Autor nicht Tom Tonk gehießen und Duisburg nicht den Spitznamen „Dösburg“ gehabt hätte, wäre man vielleicht auf die Idee gekommen, dass der Hauptprotagonist des Abends gelinde gesagt nur wenig Lust auf die kommenden 90 Minuten inne hatte. Aber so war alles in bester Ordnung.
erschienen im Verlag Salon Alter Hammer: Raketen in Feinripp. Foto: Benjamin Knoll
Rein in den Sumpf aus Punk und 0815-Jugend. Black Sabbath, so lernte das Publikum, hatte Tonk als Teenager hart gemacht. Mit weiteren Einstiegsdrogen wie Megadeath- und Van Halen-Platten im Rücken forderte er kaugummikauend Pommes Frites für umme und prügelte sich regelmäßig bis Blut zum Vorschein kam. Aus reinem Spaß versteht sich. Die erste Geschichte des Hörnerabstoßens zeigte sofort wo die Reise mit Tom Tonk stilistisch hingeht. Hier trifft die Schnodderigkeit des Social Beat auf präzise Wortwahl. Hier treffen verschachtelte, ausgeschmückte Bandwurmsätze auf Einschübe wie „danach gingen wir in die Kneipe und tranken fünf Pils“. Das Ganze eingebettet in eine Biografie, wie sie für die Anwesenden beliebiger kaum hätte sein können.
Mit trockenem Humor, dem Ruhrpott und Subkultur konnte an diesem Abend jeder etwas anfangen. Konsequenz: Das Publikum amüsierte sich größtenteils prächtig und geierte bis die Tränen kamen. Es folgten Anekdoten zur Slime-Reunion, zu fragwürdigen Arbeitsmasnahmen und zum Auswechseln einer Glühbirne. Danach Raucherpause. „So jetzt gehen wir alle raus. Eine Rauchen“. Und auch das passte irgendwie zum Abend: 80 Prozent der Anwesenden folgten Tonk nach draußen und ließen wie die Pötte des Ruhrgebiets Qualm aufsteigen. Im zweiten, kürzeren Teil widmete sich der Autor mitunter einer Beschäftigung, der er auch gerne in seiner Musik nachgeht: Dem parodieren von Vokuhila tragenden Kneipenterroristen. In jener Geschichte gerieten er und seine Kumpels in ein höllisches Billard-Match, das nur böse enden konnte. Mit einer Nena-Imitation und einer Biografie-Skizze der „Tonks“, dem Musikprojekt von Tom Tonk und seinem Bruder, endete ein gemütlicher Abend unter Freunden.
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