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Carsten Born las im Djäzz aus seinem Roman
Foto: Benjamin Triling

Donald Duck trifft Patrick Bateman

16. Dezember 2015

„Egollusion“-Lesung mit Carsten Born am 14.12. im Djäzz – Literatur 12/15

Mitten in der Lesung hat Autor Carsten Born ein kleines Problem. Eigentlich will er jetzt schon mal seine Danksagung verlesen. Doch der Zettel mit den Namen liegt irgendwo im Publikum auf dem Boden. Den hat er selbst dort hin befördert. Denn bei seiner emotionalen Lese-Performance, bei der er mal expressiv in den Keller des Djäzz schreit, mal niedergeschlagen an der Wand lehnt, dann wieder nervös über die Bühne tapst, hält sich auch so ein lästiges Manuskript nicht lange in der Hand.

 

Ein viel größeres Problem hat allerdings der Protagonist seines Romans „Egollusion“, aus dem der Duisburger an diesem Abend Passagen liest. Dieser erwacht plötzlich aus einem Koma und findet sich nicht nur in der geschlossenen Psychiatrie wieder sondern auch in einem ganz anderen Körper – erst nach und nach konstruiert Borns Ich-Erzähler in Rückblenden, wie es dazu kam, dass der einst reiche und schöne Top-Manager nach einem schweren Autounfall in der Klinik landete. Wie sein Held nun mit der neuen Situation zurechtkommen muss, schildert Born als trashige und überzeichnete Läuterungs-Geschichte.

 

Denn es ist auch das Credo „Live fast, die young“, aus dem diese Figur gerissen wird: ein gefeierter und erfolgreicher Top-Manager, schönes und intelligentes Hobby-Model und nicht zuletzt partywütender Womanizer. „In dem Jahr zog ich entschieden zu viel Koks, außer Tussen, Lines und Porsche Cabrio nahm ich die Welt nur recht marginal wahr“, erinnert er sich etwa an seine chillige Studienzeit an der Pariser Sorbonne. Dass dieser Yuppie zuweilen so viele „Tussen flachlegt“, dass James Bond wie ein zölibatärer Geheimdienstangestellter wirkt und mit so krassem Koks-Konsum kokettiert, dass Benjamin von Stuckrad-Barre wie ein Volontär der Apotheken-Rundschau erscheint, macht ihn als Romanfigur nicht immer wirklich glaubwürdig.

 

Das weiß auch Carsten Born: „Das ist natürlich alles stark überzeichnet. Der Typ ist eigentlich eine Comic-Figur.“ So schätzt sich „dieser Typ“ schließlich auch selbst im Roman ein: „Zu gut, zu schön, zu reich. Zu wahllos, zu ziellos, zu ideenlos. So ähnlich wie Donald Duck der ewige Looser ist, war ich der ewige Winner, weil sich irgendwer oder –was überlegt hatte, dass dieser Typus jetzt gut in die Weltgeschichte passte.“ Doch wer Borns Lesung an diesem Abend lauscht, denkt eigentlich weniger an Donald Duck sondern an einen anderen Klassiker der Literatur, Bret Easton Ellis' „American Psycho“. „Unser Held hat auf jeden Fall Parallelen zu Bateman“, gesteht Born.

 

Trotzdem seien vor allem persönliche Dinge mit eingeflossen. So war das Schreiben des Romans, den er in nur kurzer Zeit schrieb, ebenso emotional wie seine Lesungen: „Ich habe einfach alles raus gehauen – aus dem Unbewussten. Das war eine Art Ausbruch und ich habe es so gelassen, das merkt man auch, das ist alles sehr roh.“ Die Idee dazu hatte er aber schon länger – genauso wie den Plan, den Roman als „Fremdkörper“-Trilogie weiterzuspinnen. „Du kannst auch einen Trailer dazu haben.“ Und Carsten Born erzählt begeistert, was mit seinem Helden noch alles geschehen wird.

Dann zieht er sich den grauen Kapuzenpulli aus. Die Pause ist vorbei. Mit schwarzer Jeans und schwarzem T-Shirt steht Born im bunten Bühnenlicht. Der fast expressionistische Textauszug wird lärmend performt. Ein düsteres Yuppie-Punk-Wortkonzert. Das Manuskript hat er da längst wieder beisammen.

Benjamin Trilling

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