
Wer weiß, wohin?
F/LIBN/EG/I 2011, Laufzeit: 110 Min., FSK 12
Regie: Nadine Labaki
Darsteller: Nadine Labaki, Claude Baz Moussawbaa, Layla Hakim
>> www.werweisswohin-derfilm.de
Leichthändig inszenierte Fabel wider religiöse Intoleranz
Der große Graben
„Wer weiß, wohin?“ von Nadine Labaki
Nach ihrem gefeierten Debüt, dem Liebesdrama „Caramel“, in dem sich die libanesische Regisseurin Nadine Labaki vordergründig der Liebe widmete, greift sie mit „Wer weiß, wohin?“ ein ungleich ernsteres Thema auf: religiösen Fanatismus. Labaki spiegelt das Problem beispielhaft an einem abgelegenen Dorf im Libanon, in dem Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Das Miteinander funktioniert eigentlich ganz gut – solange keine News von der konfliktbeladenen Außenwelt in die abgeschottete Gemeinde gelangen. Der unzureichende Satellitenempfang gewährleistet eine gesunde Nachrichtensperre – vorerst. Während die weiblichen Einwohner in Eintracht das friedliche Miteinander zu pflegen suchen, schlummern in den Köpfen ihrer Männer überholte Vorurteile. Eigentlich fehlt nur der nötige Funke, um einen Glaubenskrieg ins Rollen zu bringen. Und als ein tollpatschiger Jugendlicher über das Kreuz in der Kirche stolpert, führt das eine zum anderen. Nun ist die Kreativität und Improvisationskunst der Frauen gefragt, um dem testosterongesteuerten Walten Einhalt zu gebieten.
Labaki führt die Mechanismen, durch die gläubige Nachbarn zu gewaltbereiten Feinden werden, über eine filmische Fabel vor, mal märchenhaft verklärt, mal tod-traurig. Diese Gläubigen, da macht der Film keinen Hehl draus, sind vor allem Männer. Eine brodelnde, schwanzgesteuerte, unreflektierte, manipulierbare Horde, jeder Mann eine Zeitbombe. Der Blick aufs aktuelle Weltgeschehen bestätigt die Sicht der Regisseurin, und der Irrwitz der realen Zustände erlaubt es dann auch, das Thema in eine (tragische) Komödie zu verpacken. Der Einfluss des einen oder anderen Asterix-Comics ist offensichtlich, sei es, was die Naivität der Dorfgemeinde angeht, die Vorteilnahme, die sich die Gattin des Bürgermeisters herausnimmt, oder die Manipulierbarkeit der tratschenden Masse. Die Regisseurin bettet eine kleine Liebesgeschichte ein (in der sie selbst die Umgarnte verkörpert), inszeniert das eine Mal eine Choreografie aus Frauen in Schwarz, die an Pina Bausch erinnert, arbeitet ein anderes Mal mit Musical-Elementen. Oder sie überhöht ihr Drama zur Farce, um ihrer Geschichte die gesunde Portion Leichtigkeit zu entlocken. Im Grunde aber ist es ihr bitter ernst. Ihr Film ist ein Appell, und Labaki nutzt geschickt die Möglichkeiten des Kinos, den Appell nicht als entrüsteten Zeigefingerzeig abzufeuern, der komödiantische Rahmen verziert ihr filmisches Mahnmal mit Leichtigkeit. Das irritiert mitunter, wenn sie stilistisch sprunghaft zwischen Farce und Tragödie jongliert oder inhaltlich gelegentlich leicht verklärt abdriftet, geht aber unterm Strich auf. Mit wachem Auge entschlüsselt die Regisseurin Konfliktmechanismen, erzählt von den Schwächen der Männer und dem daraus entspringenden Leid der Frauen. Ein Film, dessen treffsicherer Schärfe sich keine monotheistisch-missionarische Glaubensrichtung entziehen kann. Zeit, dass sie damit anfangen, über sich selbst den Kopf zu schütteln. Der Film gibt dazu einen gelungenen Impuls.
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(Hartmut Ernst)

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