
Up in the Air
USA 2009, Laufzeit: 110 Min., FSK 0
Regie: Jason Reitman
Darsteller: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Danny McBride, Melanie Lynskey, Amy Morton, Sam Elliott, Zach Galifianakis, J.K. Simmons
Ryan Bingham reist an 340 Tagen im Jahr von Firma zu Firma und übernimmt den unliebsamen Job, Kündigungen schonend zu überbringen. Ein Privatleben hat der gutaussehende Mittvierziger nicht und findet das auch gut so. Von Flughafen zu Flughafen, von Hotel zu Hotel: So sieht der Alltag von Ryan Bingham (George Clooney) aus. Er fühlt sich wohl in dieser Welt, in der alles perfekt funktioniert. Ob Check-in in Ohio oder in St. Louis, ob Hilton in Wichita oder in Omaha - das Prozedere ist ebenso das gleiche wie das Interieur. Der einzige Makel im Leben des smarten Gentleman ist seine Tätigkeit. Er ist dafür zuständig, Angestellten mitzuteilen, dass sie entlassen sind. Aber damit kommt er klar. Schließlich ist die oberste Unternehmensdevise, die Kündigung nicht nur einfühlsam zu überbringen, sondern sie den Mitarbeitern auch noch als Chance für den Start in eine neue Zukunft zu verkaufen. Als die junge Mitarbeiterin Natalie ein neues Konzept vorschlägt, droht Binghams geordnetes Leben aus den Fugen zu geraten. Sie will die hohen Flug- und Hotelkosten einsparen, indem die Gespräche mit den gefeuerten Mitarbeitern über Webcams geführt werden. Ein Leben im Büro und - noch viel schlimmer - zu Hause, das kann sich Bingham nicht vorstellen. Menschliche Kontakte sind für ihn eher Ballast. Das erklärt er auch in seinen zahlreichen Vorträgen, in denen er empfiehlt, den Rucksack des Lebens möglichst freizuhalten von Familie, Ehepartner, Kindern und Freunden. Der Einzelgänger hasst Verantwortung und liebt das Unverbindliche. Um die übereifrige und etwas naive Natalie von ihrem Plan abzubringen, nimmt er ihre Gesellschaft in Kauf. Sie soll ihn auf seinen Reisen begleiten, um zu erkennen, dass solche Gespräche nicht über einen Monitor zu führen sind. Zeitgleich lernt er Alex kennen, eine gestandene Geschäftsfrau, die ähnlich gepolt ist wie er. Beide Frauen torpedieren von nun an sein geregeltes Leben. Natalie wirft ihm vor, ein Misanthrop zu sein, Alex weckt in ihm Gefühle der Zuneigung.
Über allem schweben, in abstrakten Welten leben und dabei die konkrete Gesellschaft außen vor lassen - das scheint auch eine passende Metapher für die unverantwortlich mit abstrakten Vermögen hantierende Wirtschaftswelt zu sein. Wer die normale Welt nicht kennt, kann für sie auch kein Verantwortungsgefühl entwickeln. Ryan Bingham erinnert an eine supernette Version des Wall Street-Bankers Patrick Bateman. Auch der Protagonist aus Brett Easton Ellis' "American Psycho" lebt in einer perfekt eingerichteten Welt, in der alles glatt läuft und die größten Probleme mit Mitglieds- oder Visitenkarten zusammenhängen. Nicht zufällig verweist die Anfangsszene, in der Ryan Alex kennenlernt und sich beide über die Begutachtung ihrer Master-, Hilton- oder Mietwagenkarten näherkommen, auf die Szene, in der Bateman mit seinen Kollegen ihre Visitenkarten vergleicht. Als Batemans Erzrivale seine Karte zückt, ist er von der Qualität der Typo und des Papiers geradezu geschockt. Seine Visitenkarte hat danach als Statussymbol ausgedient. Am Ende von "Up in the Air" wird auch Binghams lange herbeigesehnte goldene 10 Millionen-Flugmeilen-Karte einen schalen Beigeschmack haben. Doch im Gegensatz zu Bateman ist Bingham dann zwar auch nicht glücklich, aber gereift. Die Entsorgung von allem Zwischenmenschlichen war die Bedingung für das perfekte Leben von Bateman und Bingham, die beinahe surreal über der Wirklichkeit stehen. Bei Bateman führt der reibungslose, aseptische Alltag geradewegs in die Hölle eines Serienkillers, der den fehlenden menschlichen Kontakt mörderisch auslebt. Bingham saust zwar auch am gesellschaftlichen Leben vorbei, bleibt in seiner Traurigkeit aber immer freundlich. Bingham ist eine Paraderolle für George Clooney, den smarten und immer perfekt gekleideten Wiedergänger Cary Grants. Er ist wohl einer der wenigen, die aus dem Olymp der größten Hollywood-Stars 'herabsteigen' ins Arthouse-Kino, um dort im Dienste guter Filmkunst mit solch einer ambivalenten Rolle ihr glattes Image zu opfern.
Gleiches gilt auch für Jason Reitman. Der Regisseur von "Thank you for smoking" und "Juno" versteht es, innerhalb des Gefüges Hollywoods mutige Zwischentöne zu finden. Wie er die Genres umspielt, wie er am Schluss ein Happy End einer Romantic Comedy antäuscht, das ist schon gewagt. Und immer wieder sorgt er zwischen Business Class, Duty Free-Shop und Hilton für eine harte Landung auf dem Boden der gesellschaftlichen Realität, wenn er in den Kündigungsszenen Interviews mit Laiendarstellern einbaut, die tatsächlich gerade ihren Job verloren haben. Dabei büßt "Up in the Air" nicht mal an Unterhaltungspotential ein. In bester Manier einer Screwball-Comedy liefern sich die sympathischen Protagonisten schlagfertig Wortgefechte. Da wirkt auch der Subtext des Films nicht schwer, obwohl der vom Zustand einer Gesellschaft spricht, die in Zeiten des Internets mehr und mehr den konkreten Kontakt verliert. Zeiten, in denen nicht nur neue Mitarbeiter über Facebook und Co. gefunden, sondern demnächst vielleicht auch wieder per Monitor entlassen werden.

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