
Meine Tochter – Figlia Mia
Deutschland, Italien, Schweiz 2018, Laufzeit: 98 Min.
Regie: Laura Bispuri
Darsteller: Valeria Golino, Alba Rohrwacher, Sara Casu
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Lichtdurchflutetes Drama um drei Frauen
Ein starkes Mädchen
„Meine Tochter – Figlia Mia“ von Laura Bispuri
Ein rothaariges Mädchen mit heller Haut läuft neugierig über eine Rodeo-Veranstaltung an einem Strand. Sie schaut den Pferden und Reitern zu und landet dabei zufällig hinter einem Holzverschlag. Als sie sich umdreht, sieht sie eine dünne, betrunkene Blondine und einen dicken, groben Mann die sich umschlingen. Der Mann fährt das Mädchen grob an, die torkelnde Frau geht dazwischen und nähert sich ungelenk dem Mädchen. Das rennt weg… zu ihrer Mutter.
Vittoria (Sara Casu) ist neun Jahre alt und lebt bei ihrer liebevollen Mutter Tina (Valeria Golino) und dem ruhigen, zurückhaltenden Vater Umberto in einem kleinen, untouristischen Dorf auf Sardinien. Auch wenn der Film das noch eine Weile im Unklaren lässt: Dass nicht die dunkelhaarige Tina, sondern die Betrunkene Angelica (Alba Rohrwacher) aus der Eröffnungsszene die leibliche Mutter von Vittoria ist, kann man kaum übersehen. Dass die Dorfbewohner bei aller offensichtlicher Ähnlichkeit der beiden nie auf die Idee kommen, Vittoria und Angelica seien verwandt, ist die eine, schwer zu schluckende Prämisse des beeindruckenden, im stechenden Sommerlicht unheilschwanger eingefangenen Dramas von Laura Bispuri. Erst sehr spät stellt ein Hafenarbeiter gegenüber Angelica und Vittoria einmal beiläufig fest: „Ihr seht euch aber ähnlich ...“.
Männer spielen in dieser Geschichte kaum eine Rolle. Und wenn doch, dann keine rühmliche. Vittorias vermeintlicher Vater glänzt vor allem durch Passivität. Udo Kier hat einen bemerkenswerten Auftritt als Fiesling Bruno, und auch bei den vielen Männerkontakten von Angelica gilt: Einer ist blöder als der andere. Im Allgemeinen sind die Menschen hier nicht sonderlich freundlich. Nicht mal die Kinder untereinander: In der Schule wird die introvertierte Vittoria ausgegrenzt. Doch das scheint dem eigensinnigen Mädchen gar nicht so viel auszumachen.
Sie interessiert sich jetzt sowieso für etwas ganz anderes: Denn nach dem Zusammentreffen von Vittoria und Angelica auf beim Rodeo taucht diese geheimnisvoll andersartige Frau immer wieder in ihrer Nähe auf. Angelica entwickelt plötzlich Interesse an ihrer leiblichen Tochter, jetzt, da sie komplett pleite ist und wahrscheinlich die Insel verlassen muss. Sie ist so anders als Tina, die sich liebevoll um Vittoria kümmert und ihr ein perfektes, sicheres Heim voller Geborgenheit gibt, aber keinen Platz für Abenteuer lässt. Angelica hingegen ist komplett verantwortungslos – sowohl anderen als auch sich selbst gegenüber. Am Rand des Dorfes lebt sie alleine auf einem heruntergekommenen Anwesen in der von der gleißenden Sonne ausgetrockneten Hochebene. Die wenigen Tiere, die sie in ihren Stallungen noch hat, versorgt sie mehr schlecht als recht. Sie selber lebt in einer zugemüllten Bruchbude. Und obwohl das Ganze sowieso komplett wertlos erscheint, droht ihr der Rausschmiss, weil sie Schulden hat. Sie hat nicht mal Geld für einen Drink in der Kneipe. Um trotzdem ein wenig in Stimmung zu kommen, schnorrt sie die Männer an – für einen Kuss oder auch mehr. Keine Demütigung ist ihr zu groß. Als Vittorias Ahnung wächst, wer diese Angelica ist, wagt sie sich immer öfter zu Angelicas Hof und freundet sich langsam mit dieser Frau an, die so gar nicht mit Kindern umgehen kann, grob und unbeholfen ist und zum Spielen schon gar keine Lust hat.
Tina und Angelica könnten kaum unterschiedlicher sein, und jeder halbwegs vernünftige Mensch würde sofort sagen, dass Tina eine gute Mutter ist und Angelica eine schlechte. Und doch ist Vittoria zunehmend verunsichert, hin und her gerissen zwischen der Geborgenheit der Ziehmutter und der wilden, unberechenbaren und auch verletzenden Art von Angelica. Mit ihrem Drama liefert Laura Bispuri ein befreiendes Szenario für abweichende Frauenrollen. Trotz aller schwer erträglichen Momente, in denen Angelica durch die Kneipen torkelt, sich befingern lässt oder Vittoria grob fahrlässig in Gefahr bringt, macht der Film Vittorias Faszination für ihre leibliche Mutter nachvollziehbar. Und zugleich zeigt er Empathie für Tinas Ängste, Vittoria zu verlieren. Neben den unterschiedlichen Mutterrollen steht aber vor allem die eigenwillige, starke Vittoria im Zentrum dieses bewegenden Frauenporträts.
(Christian Meyer-Pröpstl)

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