
Das Mädchen Wadjda
Saudi-Arabien, Deutschland 2012, Laufzeit: 97 Min., FSK 0
Regie: Haifaa Al Mansour
Darsteller: Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani
>> www.wadjda-film.de/
Drama über den Alltag in einem Gottesstaat
Wadjda versteht das nicht
„Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al Mansour
“I want to ride my bicycle, I want to ride it where I like…“, sang einst Freddy Mercury recht sorgenfrei, und er spricht der elf-jährigen Wadjda, der jungen Protagonistin dieses Dramas, aus der Seele. Doch ein Fahrrad zu fahren ist Frauen in Saudi-Arabien verboten. Das Lenken von Fahrzeugen ist Frauen in dem Gottesstaat generell untersagt. Der salafistische Islam ist die dominierende Staatsreligion, die Scharia in der Verfassung verankert. Es gibt weder Theater noch Kinos. So entspricht es einem kleinen Wunder, dass die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour nun diesen historischen Beitrag stemmt und den ersten Spielfilm aus Saudi-Arabien inszeniert.
Hoffnungsvoll und absurd zugleich
Ein Film, das hatte die Filmemacherin schon als Kind vor dem Fernseher gelernt, kann emotional berühren, er kann in andere Länder entführen und einem die Augen öffnen. So beschloss Haifaa Al Mansour, einen Spielfilm zu inszenieren, der von ihrer Heimat erzählt. Von Saudi-Arabien, dem Land, in dem sie aufwuchs, bevor sie an der Amerikanischen Universität in Kairo englische Sprache studierte, einen Amerikaner heiratete und nach Bahrain zog. Unterstützung fand sie in dem deutschen Produzenten-Gespann Roman Paul und Gerhard Meixner, die bereits „Waltz with Bashir“ mit verantworteten. „Es existiert keine Tradition des Filmemachens in Saudi-Arabien“, erfuhren die Produzenten. Folglich galt es zu improvisieren. Die hinreißende Hauptdarstellerin Waad Mohammed erfährt vom Casting über heimliches Hörensagen, fünfmal täglich wird der Dreh fürs Gebet unterbrochen, die Frauen tragen bodenlange Gewänder, die Sittenpolizei ist allgegenwärtig und achtet auf die Geschlechtertrennung. Letztere erscheint mittlerweile als eine der größten Barrieren des Landes. Die Regierung gibt sich in den letzten Jahren liberal, wodurch sie bei den mächtigen, religiösen Kräften kritisch aneckt. Frauen bilden inzwischen die Mehrheit der Studenten, für 2015 ist gar auf kommunaler Ebene ein aktives Wahlrecht angedacht. So gut wie jeder Beruf steht inzwischen beiden Geschlechtern offen – allerdings unter dem Gebot strikter Geschlechtertrennung. Eine hoffnungsvolle und zugleich absurde Situation, in die nun auch dieses Drama rückt.
Ein Drama, in dessen Zentrum die eigenwillige Schülerin Wadjda (Waad Mohammed) steht, die mit ihren Eltern bei Riad, einer der Hochburgen des Salafismus, lebt. Wadjda besucht die Koranschule für Mädchen, in ihrer Freizeit hört sie westliche Popmusik oder spielt mit ihrem kleinen Freund Abdullah. Dabei entdeckt sie in einem Spielzeugladen ein Fahrrad, das sie sofort ins Herz schließt. Trotz des Fahrverbots setzt Wadjda nun alles daran, in Besitz des Gefährts zu kommen. Der mögliche Sieg bei einem Koran-Rezitationswettbewerb an ihrer Schule könnte sie ihrem Wunsch einen Schritt näher bringen. Daheim indes kriselt es: Der Vater sieht sich um einen Sohn gebracht und hält nach einer anderen Ehefrau Ausschau.
Einfühlsam spiegelt der Film die Situation eines Landes wieder, das einerseits religiös untermauerten patriarchalischen Traditionen unterworfen ist und zugleich, wenn auch zaghaft, Hoffnung birgt. „Das Mädchen Wadjda“ gibt alltägliche Einblicke in das dortige Leben, das geprägt ist von manifestierter männlicher Unterdrückung, sei es in der Schule, auf der Straße oder daheim. Die Bevormundung ist allgegenwärtig, die Mutter ist auf einen Fahrer angewiesen, wenn sie mobil sein möchte, sie verliert ihren sozialen Status, weil ihr Gatte sich um den männlichen Nachfahren gebracht sieht. Und über allem thront die omnipräsente Mahnung an das weibliche Geschlecht, der Aufmerksamkeit der Männer zu entgehen.
Männer sind kaum präsent
Dabei sind die Männer in diesem berührenden, alltäglichen Drama kaum präsent. Es erscheint erschreckend irrwitzig: Es bedarf kaum noch der männlichen Maßregelung, um die Unterdrückung der Frau zu gewährleisten, weil die Frauen sich selbst kontrollieren. Sei es die Mutter oder die Schuldirektorin, die weiblichen Opfer selbst sind mit jedem Schritt sorgsam darum bemüht, das strenge Regelkorsett zu wahren und dem Blick des Mannes auszuweichen. Dem Mann gefällig zu sein, ist ritualisiert im Alltag, ist etabliert, ist Selbstverständnis.
Wadjda versteht das nicht. Wadjda hat Träume, und wo sie kann, da zeigt sie sich störrisch. Haifaa Al Mansour indes will mit dem Film nicht opponieren, sie respektiert vielmehr die Kultur ihrer Heimat und sucht mit ihrem Film den Dialog. Dabei gestattet sie sich den optimistischen Blick. Die Zukunft ihrer Heldin aber bleibt ungewiss. Ob sich die kindliche Zuversicht erfüllt, oder ob der Wille des Mädchens schon bald gebrochen wird, muss die Zukunft dieses Landes zeigen. Bis dahin gelingt mit diesem Film ein berührender Einblick in eine fremde Kultur, der dem einen oder anderen Betrachter die Augen öffnen dürfte. Damit löst Haifaa Al Mansour nicht zuletzt auf überzeugendeWeise die Vorzüge ein, die sie schon als Mädchen am Medium Film für sich entdeckt hatte.
Internationales Filmfestival Dubai 2012, Bester Film, Beste Darstellerin
(Hartmut Ernst)

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