Wie rassistisch sind wir, ohne es zu merken? Um diese Frage ging es bei der ausverkauften Podiumsdiskussion „Lesart: Von Debatten und Schubladen – Das Ende der politischen Gewissheit“, die das Kulturwissenschaftliche Institut und die Buchhandlung Proust gemeinsam im Grillo-Theater präsentierten. Dass rassistische Vorurteile tiefer in unserem Denken verankert sind, als wir von uns selbst glauben, darauf wies Historiker und Journalist Götz Aly hin. In seinem aktuellen Buch „Volk ohne Mitte: Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus“ prägt er den Begriff der Freiheitsangst. In Deutschland müsse die Freiheit seit Jahrhunderten hinter der materiellen Gleichheit zurücktreten. Und diese Gleichheit werde verteidigt, indem andere aufhören, sozial gleich zu sein. Sozialneid statt Einigkeit und Freiheit. Der Nationalsozialismus sei eine Flucht in eine kollektivistische Idee, die eine brüchige Gesellschaft mit der Ausgrenzung von Menschen zu kitten versucht. Ähnliches passiere aktuell auch in der Pegida-Bewegung.
Die Rechte nutze die gesellschaftliche Verunsicherungen für sich, um ihre Ideologie zu verbreiten, erklärte Soziologieprofessor Armin Nassehi: „Wir in Zentraleuropa leben nicht auf der Insel der Seligen, aber wir haben eine hohe soziale Stabilität – und trotzdem erleben die Menschen eine hohe Unsicherheit. Ich glaube aber nicht, dass die Menschen wirklich Angst erleben.“ Die Ausgrenzung macht die Unsicherheit sichtbar und Homosexuelle, Migranten, und emanzipierte Frauen zum Ziel von Ausgrenzung. Vorurteile und Feindbilder machen die Welt der einfachen Menschen übersichtlicher, wie eine schwarz-weiße Trennlinie zwischen Gut und Böse. „Kein Flüchtling nimmt irgendjemandem die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt oder Heiratsmarkt weg“, erklärte Nassehi und stieß sich daran, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen keine Chance haben, als Individuen aufzutreten. Wir beließen sie in unserem Denken in ihrer Gruppe, nähmen sie nur als kollektive Existenz wahr. „Und das ist rechts.“ Ein rechtskonservatives Denken möchte immer wissen, wer wir sind und wer die anderen sind. Ausgrenzung schafft Struktur im Denken, ebenso wie Schubladen Ordnung in die Garderobe bringen.
Aly sprach sich dafür aus, auch in Sachen Nationalsozialismus mit dem Schubladendenken aufzuhören. In seinem aktuellen Buch setzt er sich mit der Soziopsychologie des Judenhasses auseinander. Er plädiert dafür, uns nicht für bessere Menschen zu halten als die Menschen, die im Nationalsozialismus gelebt haben. In seinen Erläuterungen schimmerte immer wieder die Überzeugung durch, dass kein Mensch vollkommen gut, oder vollkommen schlecht sei – auch wir nicht. Egal, ob mit Blick auf uns selbst oder auf andere: Einfache Schubladen sind immer zu eng, um die ganze Realität zu fassen.
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